Abriss-Birnen
Gisela Karau (1932-2010), aus »Mitteilungen«, Heft 3/2006, S. 33 (Wiederabdruck)
Viele, die sich das Denken trotz gewollter Massenverblödung nicht abgewöhnen lassen, packt wie mich die rote Wut über die Gewissenlosigkeit der Bundestagsabgeordneten, die für die Beseitigung des Palastes der Republik gestimmt haben. In den Birnen dieser Leute, die das Land einen Haufen Kohle kosten, weil sie angeblich die Interessen der Wähler vertreten, spukt beim Anblick des ausgeweideten Bauwerks mit den einst goldenen, jetzt dreckig stumpfen Scheiben nur ein Wort: Abriss. Als ob mit dem Verschwinden eines Zeugen der verteufelten Vergangenheit auch die Erinnerung daran auszulöschen wäre. Das Gegenteil wird eintreten, nicht nur bei den Älteren, die sich ihre erfreulichen Erlebnisse unter der gläsernen Blume bewahren, sondern auch bei den Jungen, die durch die Vernichtungswut der Bilderstürmer erst recht neugierig und widerborstig werden, wie die Besuchermassen in der Gespensterruine beweisen.
Wer weiß, wie oft der Herr Thierse, den nach eigener Aussage besonders die Volkskammer in jenem Haus angestunken hat, in den Palast gelatscht ist. Abgeordneter war er damals noch nicht, aber die Parlamentsräume waren der kleinere Teil des Hauses, und die Volksvertreter bekamen viel kleinere Diäten als die Heutigen, das war keine besonders lohnende Angelegenheit. Nein, der Rotbart wird Silvester wie Tausende im großen Saal die Neunte gehört, bei den immer ausverkauften Eulenspiegel-Lesungen mit gelacht und beim jährlichen Festival des politischen Liedes der Jugend aller Nationen rhythmisch mit geklatscht haben. Auch im TiP hat er unter Garantie gesessen und die Schauspielkunst der Frau von Konrad Naumann bewundert. Schließlich hat er Kulturwissenschaft studiert und wird sich solche Events nicht entgehen lassen haben. Was auch für die liebe Angie gelten dürfte, die als FDJ-Funktionärin vieles mitgemacht hat, woran sie jetzt lieber nicht mehr denken möchte.
Dass Wessis bis auf Ausnahmen keine emotionale Beziehung zum kulturellen Zentrum der DDR-Hauptstadt entwickeln konnten, leuchtet ein. Die haben ihr Ja zum Abriss ebenso gelangweilt gegeben wie zu all den so genannten Reformen, die den Krebsgang der Bundesrepublik zurück in den ungebremsten Kapitalismus bewirken. Doch die Ossis in den SPD- und CDU-Fraktionen hätten durchaus ein bisschen Arsch in der Hose beweisen und sich dem offensichtlichen Irrsinn verweigern können. Mir kann niemand erzählen, dass sich bei keinem von ihnen Skrupel regten, eine solche Kulturschande zuzulassen. Sie haben sich nicht getraut, die Ja-Sager. Und die regen sich über die Ja-Sager der ehemaligen Volkskammer auf.
Aber das Schloss, höre ich die Abriss-Befürworter räsonieren, wer hat denn das Schloss abgerissen? Ja, das waren die bösen Kommunisten. Die hatten ebenso wenig mit der Hohenzollern-Ruine am Hut wie die selbstherrlichen Bestimmer von heute mit dem Palast der Republik, den sie allerdings erst zur Ruine gemacht haben. Beim Schloss waren es Bomben und Granaten, in der Gegend tobten ja bis zum Schluss heftige Kämpfe, und was da übrig geblieben ist - ich habe es als Schulkind gesehen - hätte die Baukapazität eines bettelarmen Nachkriegsstaates total überfordert. Das Eosander-Portal wurde aus den Trümmern gerettet und in die Fassade des Staatsrats-Gebäudes eingegliedert, ebenso wie die goldenen Gitter des Balkons, von dem Karl Liebknecht 1918 die sozialistische deutsche Republik ausrief.
Der Konflikt abreißen oder stehenlassen betraf nicht allein das Schloss. Zum Beispiel weiß ich von Robert Siewert, dass man sich damals vor die Frage gestellt sah, die Lagerbaracken von Buchenwald aufwendig vor dem Verfall zu bewahren oder nur die Grundrisse zu erhalten, wie es vernünftigerweise geschehen ist. Der derzeitige Direktor der Mahn- und Gedenkstätte - ein Westimport natürlich - behauptet nun unverfroren, die Kommunisten hätten das Lager »geschleift«. Ach ja, es gibt nichts, was den Kommunisten nicht zugetraut wird, selbst die Zerstörung eines Denkmals der Nazi-Verbrechen, denen so viele von ihnen zum Opfer fielen.
Der Umgang mit dem Palast der Republik ruft bei Fachleuten des In- und Auslandes Kopfschütteln hervor. Renzo Piano, der Star-Architekt, der am Entwurf des Centre Pompidou in Paris beteiligt war, nennt es eine Tragödie, dass ein modernes, mit bester Technik ausgestattetes Haus, dessen Errichtung in den siebziger Jahren eine Milliarde Mark der DDR gekostet hat, abgerissen werden soll. Er fragt: »Wie kann man nur so dumm sein?«
Recht hat er. Es ist nicht nur gemein, es ist auch bescheuert. Der äußerst komplizierte Abriss dürfte etwa 60 Millionen Euro kosten. Eine Sprengung ist bei dieser Konstruktion unmöglich. Mehr als 20.000 Tonnen Stahl müssen zerlegt und Stück für Stück abgetragen werden. Wenn das Gründungsbauwerk, eine neun Meter tief in den Schwemmsand der Spree gegossene Betonwanne, auseinandergerissen würde, gäbe es ein von den Wassermassen hervorgerufenes Erdbeben, das den nahe gelegenen Dom ins Wanken brächte. Alles idiotisch. Der Asbest, ein seiner Zeit üblicher Baustoff, den es auch in der Westberliner Philharmonie gab, ist raus und damit der vorgeschobene Schließungsgrund beseitigt. Es hätte einen Neubeginn geben können. Falls man ihn gewollt hätte.
Die Befürworter eines Stadtschlosses, das unter einer Milliarde nicht zu haben wäre, verweisen darauf, dass die Polen das Warschauer Königsschloss ja auch wieder aufgebaut haben. An jenem Symbol nationaler Selbstbestimmung, das von den Nazis zerstört wurde, hing das Herz des polnischen Volkes. Für seine Wiedererrichtung wurden Jahre lang Spenden gesammelt. Wessen Herz hing am Berliner Schloss? Meins nicht und das von Millionen Mitbürgern ebenso wenig, wie Umfragen zeigen. Und außerdem - es gibt genügend Schlösser und Paläste, die bei uns erhalten und gepflegt wurden. Man muss sich ja nur Unter den Linden umsehen oder nach Potsdam fahren. Mit historischer Genauigkeit und denkmalpflegerischer Akribie wurde hier das Erbe Preußens bewahrt.
Die Hauptstadt aber bekam einen neuen Palast, ein wirkliches Haus des Volkes, das mit seinem großen, vielseitig zu nutzenden Saal, dreizehn Restaurants, Cafés und Bars, einer Bowlingbahn, einer Diskothek, einer Gemäldegalerie und einem Theater jedem offen stand. Täglich kamen 15.000 Besucher, und ihr erster Eindruck waren die immer frisch bepflanzten Blumenbeete im unteren Foyer. Auch im Winter empfing die Eintretenden der Duft blühender Hyazinthen, bei dem man gleich gute Laune bekam. Ehrengäste bei der Eröffnung des Hauses im April 1976 waren die Erbauer. Als Reporterin hatte ich den inzwischen leider verstorbenen Chef-Architekten Heinz Graffunder interviewt und oft über den entstehenden Palast geschrieben, daher war ich zum Ball der Bauarbeiter geladen. Es fiel mir auf, dass sie sich auf den Fußmatten an den Türen respektvoll die Schuhe abtraten, bevor sie hinein gingen.
Vorbei die Würdigung der Arbeit, die Würde der Arbeiter. Und es soll vergessen werden. Nichts, was wirklich gut und schön war, darf sich mit der Erinnerung an die DDR verbinden. Das wollen sich die Vereinnahmer was kosten lassen. Darum wurden all die bedenkenswerten Rechnungen der Palast-Verteidiger vom Tisch gefegt. Eine Katastrophe bahnt sich an. In der Mitte Berlins wird über lange Zeit ein hässlicher Ort entstehen, eine aufgerissene Wunde im Gesicht der Stadt, Ausdruck mittelalterlicher Sieger-Willkür im einundzwanzigsten Jahrhundert. »Wenn man ein Denkmal wegen der Erinnerungen, die es weckt, zerstören muss, so lasst uns den Parthenon niederreißen, weil er an den heidnischen Aberglauben erinnert, die Alhambra, weil sie an den mohammedanischen Aberglauben erinnert«, schrieb Victor Hugo vor über hundert Jahren. »Lasst uns alle Denkmäler niederreißen, angefangen beim Ramsestempel, alle Moscheen, angefangen bei der Hagia Sophia, alle Kathedralen, angefangen bei der Notre Dame.«
Diese Bauwerke stehen noch trotz Kriegen und Revolutionen, Untergang und Aufstieg von Klassen, und sie erzählen Generationen von Nachgeborenen über die Kulturleistungen vergangener Epochen. Aber ein Palast, der daran erinnert, dass es auf deutschem Boden vier Jahrzehnte lang einen tapferen, von Anfang an heftig bekämpften Versuch gegeben hat, sozialistische Lebensverhältnisse zu entwickeln, in denen es keinen errafften Reichtum einer mächtigen Minderheit und keine erbärmliche Armut einer ausgepowerten Mehrheit gab, keine Arbeitslosen, keine Obdachlosen - der soll durch einen Kraftakt sozialer Revanche von der Bildfläche verschwinden.
Her mit der Abriss-Birne, her mit dem Bagger und zugepflügt das Ganze, damit bloß niemand auf die Idee kommt, noch einmal so einen unerhörten Gegenentwurf zu wagen. Es muss Gras drüber wachsen, das Gras des Vergessens. Ich denke, es wird genügend Esel und Eselinnen wie mich geben, die es immer wieder runter fressen.