15 Jahre nach Fukushima
Frank Schumann, Berlin
Unser jüngster Sohn studierte in Hiroshima und lebte vom Juli 2009 bis Juli 2010 in Tokio. Mein Freund Gerhard Beil, unser Ex-Außenhandelsminister, hatte ihm zuvor noch eine Liste mit Adressen gegeben. Dort könne er im Ernstfall Hilfe bekommen. Fritz zögerte, das Angebot anzunehmen, doch Beil nahm ihm die Scheu: Die haben mit der DDR sehr gute Geschäfte gemacht … Wie sich zeigte: Sie hatten es nicht vergessen und freuten sich, einem Enkel der DDR japanische Türen öffnen zu können.
Als am 11. März 2011 nordöstlich von Tokio, draußen im Pazifik, am späten Nachmittag die Erde unterm Meer bebte, lag Fritz in Berlin im Bett. Das Seebeben vor der Ostküste von Honshū löste einen Tsunami aus, den größten, der je in Japan registriert worden war. (Das Geoforschungszentrum Potsdam ermittelte später, dass binnen dreieinhalb Minuten die Erdkruste auf einer Länge von vierhundert Kilometern bis sechzig Kilometer tief aufgerissen wurde, was neben anderem dazu führte, dass Japans Hauptinsel Honshū um fast zweieinhalb Meter verschoben wurde, womit sich die Figurenachse der Erde verlagerte, was wiederum dazu führte, dass sich der Globus seither etwas schneller dreht. Die Tageslänge verkürzte sich um 1,8 Mikrosekunden.)
Die Flutwellen überschwemmten etwa ein halbes Tausend Quadratkilometer Land, an manchen Stellen drang das Wasser bis zu zehn Kilometer vor. Etwa sechshunderttausend Japaner wurden von dieser zweifachen Naturkatastrophe – Erdbeben und Überschwemmung – in Mitleidenschaft gezogen. Über zwanzigtausend starben in der Flut oder in einstürzenden Häusern.
Doch es kam noch schlimmer. Die vierzehn Meter hohe Flutwelle traf auch auf das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi. Die Wucht, mit der die Wassermassen gegen die sechs Reaktoren knallten, löste eine sogenannte Kernschmelze aus, wodurch radioaktives Material freigesetzt wurde. Es verseuchte Wasser, Boden und Luft. Die Folgeschäden waren immens. Man spricht inzwischen von sechshundert Milliarden Dollar …
Physiker, Journalisten, Protest und Hilfsbereitschaft
Die Journalisten in Deutschland suchten, wie stets bei solchen Ereignissen, krampfhaft nach Zeugen, die ihnen O-Töne lieferten. Die meisten deutschen Korrespondenten waren jedoch, dem Beispiel der deutschen Botschaft folgend, aus Tokio oder außer Landes geflohen. Sie fürchteten eine radioaktive Wolke. Die ARD berichtete über den Nuklearunfall von einem Hoteldach in Osaka, das vierhundert Kilometer von Fukushima entfernt lag. (Die Japaner kreierten für die fliegenden Flüchtlinge die Bezeichnung »Flyjin«, eine Ableitung aus dem Wort »Gaijin« (Ausländer). Es gibt keine genauen Zahlen, aber man spricht von einigen tausend Nichtjapanern, die in Panik mit dem Flugzeug das Land verließen. – Fritz sollte in Berlin, das noch weiter von Fukushima entfernt liegt, plötzlich Rede und Antwort stehen, als sei er selbst vor Ort gewesen.
So hielt man es also wie immer: Egal, ob Naturkatastrophe, Untergang der DDR oder das Leben der Uiguren in China – deutsche Journalisten, obgleich nicht dabei, wissen es immer ganz genau.
Fritz machte sich im Sommer auf nach Fukushima, um sich selbst ein Bild zu machen. Schon bei der Ankunft auf dem Airport Tokio-Narita war die Veränderung spürbar. Es war finster. »Spare Strom für Japan« forderten Poster. 40 der 54 japanischen Reaktoren in 17 Atomkraftwerken waren nach Fukushima abgeschaltet worden. (Am 30. Juni 2011 hatte der hiesige Bundestag mit einem Gesetz den beschleunigten Atomausstieg beschlossen – acht AKW hatte man noch im März stillgelegt, die restlichen neun sollten bis 2022 folgen. Die Physikerin im Kanzleramt hatte das durchgesetzt: Als nüchterne Naturwissenschaftlerin war ihr bewusst, dass es keine absolut sichere Technologie gab, um mit strahlendem Material risikofrei »saubere« Energie zu gewinnen. Und dabei war noch nicht einmal die Frage der Endlagerung des Atommülls bedacht.)
Auch das sonst leuchtende, flimmernde Tokio war um einiges dunkler. Gebäude wurden nicht mehr angestrahlt, die berühmte Rainbowbrigde umspielten keine Regenbogenfarben. In der japanischen Gesellschaft, das merkte Fritz nach dem Studium der Medien und aus den Gesprächen mit Japanern, existierten augenscheinlich drei divergierende Positionen. Die eine folgte den Regierungsvorgaben – alles nicht so schlimm, wir werden unsere KKW künftig sicherer machen, Atomenergie ist unverzichtbar. Dann gab es jene, die der hysterischen Berichterstattung gedankenlos folgten, ohne sich grundlegend mit dem Thema Atomkraft zu beschäftigten. Diese Japaner waren vornehmlich damit beschäftigt, sich ungefährliche Lebensmittel zu besorgen. Diese kamen nicht aus der kontaminierten Region im Norden der Insel Honshū. Reis, Obst, Fische und Fleisch – alles, was von dort kam, galt als vergiftet und blieb, obgleich getestet, in den Regalen.
Und dann gab es jene, die sich mit Courage und eigenem Denken allen Meinungsmanipulationen widersetzten. Binnen weniger Wochen hatten sich Gruppen und Bewegungen formiert, zum ersten Mal seit Jahrzehnten wurde wieder auf den Straßen protestiert. Und es gab spürbare Solidarität. Bereits eine Woche nach dem Beben hatte sich der Bürgermeister einer Gemeinde im betroffenen Gebiet über Youtube an die Welt gewandt: »Helft uns: Wir sind isoliert und verhungern.« Minami-Soma, eine Stadt dreißig Kilometer von den Reaktoren, lag in der Sperrzone. Fast drei Viertel der Einwohnerschaft waren bereits gegangen oder evakuiert, die anderen tot oder zu Verwandten oder Freunden in Japan geflohen. Manche kamen auch unfreiwillig wieder. Zurückgeschickt von Behörden. Wer aus der Region Fukushima kam, wurde mitunter behandelt wie im Mittelalter die Aussätzigen. Sie könnten ja kontaminiert sein und nun andere gefährden.
Ein mit einer Japanerin verheirateter Amerikaner, der seit den achtziger Jahren in Japan ohne Visum lebte und sich als Model durchschlug, organisierte ein Hilfskomitee. Das sammelte Sach- und Geldspenden ein und brachte diese nach Minami-Soma. Fritz schloss sich den zehn Leuten an, die mit einem gemieteten Truck bereits zum zweiten Mal Lebensmittel und Wasser in die von der Außenwelt abgeschnittene Stadt bringen wollten. Darüber berichtete er später in einer Reportage, schrieb über diesen Freiwilligen-Einsatz mit dem Geigerzähler, teilte in Wort und Bild mit, was er gesehen und erlebt hatte: die tatsächliche Lage der Menschen vor Ort und deren Erfahrungen mit der Obrigkeit und den AKW-Betreibern.
Aus der Sperrzone rund um das KKW hatte man inzwischen etwa achtzigtausend Einwohner evakuiert, Fachleute schätzten, dass mindestens tausend von ihnen an Krebs erkranken würden. Das Gebiet wird voraussichtlich vierzig Jahre lang unbewohnbar bleiben müssen. Und die japanische Atomaufsicht setzte die Katastrophe von Fukushima auf Stufe 7 der internationalen Skala für nukleare Ereignisse (INES). Auch Tschernobyl befindet sich auf Stufe 7 …
Als ich Fritz am BER in Schönefeld abholte, war er ziemlich fertig. Von seinen gebräunten Unterarmen pellte sich die Haut. »Verstrahlt«, sagte er und feixte, als er meinen entsetzten Blick sah. Er war damals Anfang zwanzig, da pflegt man noch selbst damit zu scherzen …
Heilsame Lehren? Mitnichten!
Zwölf Jahre später sorgte Fukushima erneut für Schlagzeilen. TEPCO, der Betreiberkonzern des explodierten Atomkraftwerkes, hatte angekündigt, das kontaminierte Kühlwasser ins Meer leiten zu wollen. Die zerstörten Reaktoren wurden noch immer mit Wasser gekühlt. Tag um Tag fielen so 140.000 Liter an, die in Tanks gelagert wurden, weil das Wasser verstrahlt ist. Es enthält Tritium, eine radioaktive Form von Wasserstoff mit einer Halbwertszeit von zwölfeinhalb Jahren. Erst nach hundert Jahren, sagen Experten, ist es so weit zerfallen, dass es nicht mehr strahlt. TEPCO hatte 2022 erklärt, dass man keinen Platz mehr für die Tanks habe, weshalb ein Tunnel ins Meer gegraben würde, etwa tausend Meter weit, um von dort die Giftbrühe in den Pazifik zu entsorgen. Selbstverständlich zuvor gefiltert und verdünnt. Tritium lässt sich natürlich nicht herausfiltern. Die Regierung in Tokio billigte dieses Vorhaben.
Was die geplante Verklappung mit der Umwelt anrichtet, wird man erst wissen, wenn’s passiert ist. Dann aber ist der Prozess irreversibel, der Geist aus der Flasche. Selbst wenn – wider alle Erwartung – die Entsorgung des atomaren Giftmülls in den Pazifik sich als folgenlos erweisen sollte, ist die Sorge der Fischer in Japan, Russland, Korea und China mehr als begründet. Die Bauern und Fischer in der Region Fukushima haben es nach 2011 existentiell erfahren: Grundsätzlich alle Lebensmittel aus diesem Gebiet wurden und werden sie nicht mehr los! Allein deren Herkunft stigmatisierte die Waren, obwohl sie, hundertfach geprüft, nicht belastet waren. Das gleiche Schicksal droht vermutlich künftig allen im Japanischen, im Gelben und im Ostchinesischen Meer gefangenen Fischen und geernteten Meeresfrüchten. Millionen Menschen, die vom Meer leben, fürchten um ihre Zukunft.
Neben der ökologischen Komponente war es aber die politische Dimension, die allenthalben Unmut bei den Anrainern auslöste. Die hemmungslose Arroganz, mit der Tokio Entscheidungen traf, verstörte. Das wurde insbesondere durch das Pacific Island Forum (PIF) artikuliert, einem Verbund von achtzehn Staaten und Gebieten im Pazifik. Im Kalten Krieg hatten die einstigen Kolonialmächte USA, Großbritannien und Frankreich diese Inseln rücksichtslos für ihre Atomtests missbraucht – Japan handelte nun nicht anders. Monatelange Verhandlungen zwischen dem PIF und Tokio blieben ergebnislos. Wie früher bei den Atomtests, bei den Folgen des von den Industriestaaten verursachten Klimawandels wie auch bei der Einleitung des strahlenden Wassers sahen und sehen sich die Menschen auf diesen Inseln im Pazifik als Opfer von Entscheidungen, bei denen sie nicht gefragt wurden. Nicht zu reden davon, dass etliche Nachbarstaaten Schauplätze der grausamen Aggression der Japaner im Zweiten Weltkrieg waren.
Ist die Reaktorkatastrophe von Fukushima vor 15 Jahren eine heilsame Lehre? Mitnichten. Mit Hinweis auf den Ukraine-Krieg (und dem deshalb sanktionierten russischen Gas und Öl) sowie auf die Tatsache, dass 13 von 27 EU-Staaten ja Kernkraftwerke betrieben, diskutiert man allen Ernstes über die Reaktivierung von Atomenergie. Selbst die Grünen, einst mit »AKW? Nein danke« zur Partei geworden, nennen Atomenergie inzwischen grün und nachhaltig. Was nicht weiter überrascht. Es gibt kein Prinzip, das diese opportunistische Partei mittlerweile nicht über Bord geworfen hat.
Und im November 2025 kündigte US-Präsident Trump an, nach dreißig Jahren Pause wieder Atomwaffen testen zu wollen. Als wäre Fukushima nicht Test genug gewesen und der Beweis schmerzlich erbracht: Kernkraft und Kernwaffen lösen keine Probleme – sie schaffen neue.
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