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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Nachdenken über ein Lied

Gina Pietsch, Berlin

 

Meinst du, die Russen wollen Krieg?

 

Meinst du, die Russen wollen Krieg?
Befrag die Stille, die da schwieg
im weiten Feld, im Pappelhain,
Befrag die Birken an dem Rain.
Dort, wo er liegt in seinem Grab,
den russischen Soldaten frag!
Sein Sohn dir drauf Antwort gibt:

   Meinst du, die Russen wollen Krieg?

Nicht nur fürs eig’ne Vaterland
fiel der Soldat im Weltenbrand.
Nein, daß auf Erden jedermann
in Ruhe schlafen gehen kann.
Holt euch bei jenem Kämpfer Rat,
der siegend an die Elbe trat,
was tief in unsren Herzen blieb:

   Meinst du, die Russen wollen Krieg?

Der Kampf hat uns nicht schwach gesehn,
doch nie mehr möge es geschehn,
daß Menschenblut, so rot und heiß,
der bitt’ren Erde werd’ zum Preis.
Frag Mütter, die seit damals grau,
befrag doch bitte meine Frau.
Die Antwort in der Frage liegt:

   Meinst du, die Russen wollen Krieg?

 

Nach etwa 30 Jahren Pause hab ich dieses Lied zur Gedenkveranstaltung der LINKEN anlässlich des 100. Jahrestages von Karl Liebknechts Protest gegen die Kriegskredite am 2. Dezember 2014 in der Wabe gesungen und war ehrlich erstaunt über die, wie es schien, geradezu erfreute Aufnahme dieses Liedes durch das Publikum. Offensichtlich traf es direkt, was die im Saal Sitzenden fühlten. Der das geschrieben hat um das Jahr 1960 herum, sagte einmal: Meine Lyrik ist lediglich Ausdruck der neuen Stimmungen und Ideen, die in unserer Gesellschaft schon vorhanden waren und die nur noch niemand poetisch ausgedrückt hatte.

Die Rede ist von Jewgeni Jewtuschenko, bedeutender sowjetisch-russisch-sibirischer Dichter, Prosaist, Romancier, der als Lyriker Auflagenhöhen seiner Gedichtbände von 250.000 erlebte, der begeisterter Fußballer war und als Rezitator seiner Gedichte Fußballstadien füllte, der als Filmschauspieler Pasolinis Jesus Christus werden sollte, was er ablehnte, der, als großer Liebender – von Frauen, Russland und Frieden – Rebell und Gewissen seiner Zeit wurde.

Auf seinem Grabstein wollte er stehen haben: Ein russischer Schriftsteller. Plattgewalzt von russischen Panzern in Prag. Das war die Schlusszeile seines Gedichts Unsere Panzer in Prag, geschrieben am 23.  August 1968, erstmals veröffentlicht 1990. Er war der einzige im sowjetischen Schriftstellerverband, der gegen den Einmarsch der Warschauer Paktstaaten protestierte, und er war der einzige, der in seinem, von Schostakowitsch in der 13. Sinfonie vertonten Gedicht »Babi Jar« den Antisemitismus in der Sowjetunion anprangerte. Das ging nicht ab ohne Probleme.

Er kalkulierte sie ein, wenn auch vielleicht nicht, dass diese 13. Sinfonie von Schostakowitsch mit Jewtuschenkos »Babi Jar« in der Ukraine erst 30 Jahre nach Entstehen veröffentlicht, der Dichter aber trotzdem 1989 in Kiew zum Volksvertreter gewählt wurde. Jewtuschenko schrieb, was er schreiben musste, Karriere- und Speichelleckerei war ihm fremd. Und das muss mit Russland zu tun haben. Ein Dichter zählt in Russland doppelt … nur der wird Dichter, der stolz ein Bürger ist, auf Ruhe pfeift und auf Bequemlichkeit. Mit Kuriosa wie dem folgenden dürfte allerdings auch er nicht gerechnet haben. Sein oben zitiertes, damals gerade erst entstandenes, später berühmtestes Lied, wurde 1960 beim Jugendfestival in Finnland auf dem Schiff durch Muslim Magomajew gesungen, im Beisein von Jewtuschenkos Freund Jacques Brel, und kurz darauf von der Politverwaltung der Roten Armee verboten. Aber Kuriosa gibt es in allen Umbruchzeiten, wir kennen das. Und Jewtuschenko lebte und lebt in Umbruchszeiten. Deshalb, der Dichter: Die Geschichte vergisst zu schnell. Wir dürfen uns nicht scheuen, an sie zu erinnern, sonst wiederholt sie sich.

Seine Geschichte ist mit uns, den Deutschen, eng verbunden und – leicht denkbar – selten erfreulich. Unter all seinen Lieben aus aller Welt, Brel, Piaf, Marquez, natürlich Schostakowitsch und Puschkin, ist in seinen Büchern kein deutscher Name zu finden. Das hat natürlich Ursachen: Jewtuschenkos ältester Vorfahr, der in Hagenau, bei Straßbourg geborene Jakob Gangnus war Rittmeister im Kaiserlichen Heer während des 30-jährigen Krieges. Der deutsche Name Gangnus haftete auch noch an Jewtuschenko, was nach sich zog, dass sein »Russentum« in Zweifel gezogen und er als Jude angesehn werden konnte. Zu Zeiten seiner Kindheit, Kriegszeiten, in denen die meisten seiner Schulkameraden die Deutschen hassten, von der Sportlehrerin sogar aufgehetzt wurden, mit ihm wegen seines angeblichen Deutsch- und Judentums keine Freundschaft einzugehen, ließ seine Großmutter den Nachnamen seines Vaters in den seiner Mutter ändern.

Und so wurde aus Jewgeni Alexandrowitsch Gangnus Jewgeni Alexandrowitsch Jewtuschenko.

Die Mutter selber musste in ihrem Zeitungskiosk an der Straßenkreuzung vom Rigaer Bahnhof die Bedrohung durch vier Jugendliche erleben, die sie anbrüllten mit dem Satz: »Wann packst du dich endlich in dein Israel, du alte Jiddsche, mitsamt deinem zionistischen Sohn und all diesen stinkenden Gangnussen-Gurwitzen?«

Aber seine Mutter Sinaida Jermolajewna Jewtuschenko war an vieles gewöhnt, schon Verbannung der Vorfahren nach Sibirien und die Folter der Großmutter unter den Nazis. Mütterchen Hannas Charakteristik ist von faschistischen Feuerzeugen auf ihre Brust geschrieben! schreibt Jewtuschenko 1982 in »Mutter und die Neutronenbombe«. Gewöhnt war sie an die russische Heimat, erschöpft von Tränen und Stöhnen, todmüd vom Schlangestehen, gedemütigt von Haft und Gefängnispsychiatrie ..., an die Lager unter Stalin, und nun an die neuen Zeiten, in denen für die meisten Russen die Stadt Sotschi jetzt ebenso unerreichbar ist wie Miami, in denen es nichts mehr zu feiern, gibt, weder im Fußball noch in der Politik. Wir hatten vergessen, was das ist – eine Freude, welche die Menschen zu einer Nation eint. Wir eröffnen keine neuen Fabriken oder Kraftwerke mehr, wir schließen nur noch. Schüler schreiben in Aufsätzen, dass sie Schutzgelderpresser oder Nutte werden wollen, um nicht so arm zu sein wie ihre Eltern. Und hier ist von Menschen die Rede, deren Eltern nie im Ausland gewesen waren, doch von denen zehn ihr Geld zusammenlegten, um einen Bildband von Salvatore Dalí zu kaufen, so erzählt Jewtuschenko.

Und immer wieder diese Kriege, der Große Vaterländische und die neueren mit den neuen Bomben.

19 Länder derzeit, 87 Millionen Kinder, die in Kriegsgebieten leben und nie einen Tag Frieden erlebt haben. Jewtuschenkos Mutter weiß, Sterben wird durch das Atomschwert, wer es hebt!

Für Jewtuschenko und seine Mutter und wohl jeden in diesem Land, der ein Familienmitglied unter den 56 Millionen Toten über die furchtbaren Zeiten des Krieges und davor und danach hat, unmöglich, anders zu denken. Die Hoffnungen des Sohnes allerdings, Warner vor Kriegen, seit er dichtet, scheinen klein, und das gerade nach den neuen Freiheiten. 1994 schreibt er:

Unsere Freiheit ist unbelehrbar dumm.
Im Brudermord fühlt sie sich wohl,
voller Haß und gehässig
eine bösartige Bettlerin,
mit der Atombombe unterm Arm.

Aber Mutter Sina träumt davon, übermorgen in ihrem Kiosk Zeitungen zu verkaufen mit der Nachricht: Ab heute und für immer ist abgeschafft der Krieg.

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