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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Konzern des Verbrechens

Tim Engels, Düsseldorf

 

(Fortsetzung des Beitrags von Tim Engels »Haarsträubend milde, um einen Hühnerdieb zu erfreuen« aus den Mitteilungen, 7/2018, S. 14-18)

In der Enzyklopädie des Holocaust ist notiert, dass der IG-Farben-Konzern in der sowje­tischen Besatzungszone verstaatlicht wurde; in den Westzonen fand ein Eigentumswechsel hingegen nicht statt. »Der Konzern wurde im wesentlichen in seine ehemaligen drei Haupt­bestandteile Bayer, BASF und Hoechst aufgeteilt, die alle bereits Ende der 1950er Jahre eine höhere Bilanzsumme als die ehemalige IG Farben aufwiesen. […] Viele leitende Mitar­beiter der IGF, darunter Fritz ter Meer und Otto Ambros [verurteilt zu sieben bzw. acht Jah­ren Haft wegen Kriegsverbrechen bzw. solchen gegen die Menschlichkeit – T. E.] nahmen bald wieder führende Stellungen in der deutschen Chemieindustrie ein.« [1].

Mit der Entschädigung der Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter tat sich der Konzern so schwer wie alle anderen Ausbeuterbetriebe. Nach dem verlorenen Wollheim-Prozess 1953 wurde einmalig bei der Jüdischen Entschädigungskonferenz (JCC) ein Betrag eingezahlt, bei dem es sich bestenfalls um Almosen handelte [2]. Dies entsprach der Haltung des Ex-Häft­lings und Aufsichtsratsvorsitzenden ter Meer: den Arbeitssklaven sei »kein besonderes Leid zugefügt worden, da man sie ohnedies getötet hätte.« [3] Bayer benannte eine Stiftung nach ihm.

Erst nach einer breit angelegten Kampagne in den 1990er Jahren zur Entschädigung der Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter beteiligte sich die Bayer AG an der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft«.

Während der Spurensuche der VVN-BdA nach den »Verbrechen der Wirtschaft an Rhein und Ruhr 1933-1945« wurde dem Verband seitens der Stadt Leverkusen verboten, eine mahnende Tafel am Tor 1 des Chemieparks (vormals: IG Farben) anzubringen. Sie befindet sich heute vor der Karl-Liebknecht-Schule auf dem Gelände der Kulturvereinigung Leverku­sen.

Seit nun über 150 Jahren residiert dieser Großkonzern an Rhein und Wupper; die zeitweili­ge Teilliquidation hat er unbeschadet überstanden, wenn nicht sogar davon profitiert. Um­weltprobleme gab es von Anfang an. Dazu schrieb schon Friedrich Engels 1839 in seinen Briefen aus dem Wuppertal [4]. Im Ersten Weltkrieg beutete Bayer Zwangsarbei­ter aus und entwickelte chemische Kampfstoffe. Die Folge waren 60.000 Tote durch den Gaskrieg.

Heute zeichnet Bayer für einen Großteil der bei Hunderttausenden tödlich verlaufenden Pestizidvergiftungen verantwortlich. Die Bundeskanzlerin hatte es sich nicht nehmen las­sen, dem Konzern zu seiner »sehr beeindruckende[n] Geschichte zu gratulieren« [5]. Kürzlich titelte die jW: »Bayer schluckt Monsanto« (5.6.2018). Trotz lautstarker Pro­teste bei der Aktionärsversammlung, vor allem auch von Landwirten, die sich das teure Saatgut nicht mehr leisten können, wurde diese Megafusion vollzogen. Damit avancierte der Multi zum weltweit größten Saatgut- und Pestizidhersteller (bspw. Glyphosat!). Der Konzern rechnet mit einem zusätzlichen Jahresprofit von nahezu eineinhalb Milliarden Dol­lar. Noch leuchtet das Bayer-Kreuz über Leverkusen. Es bleibt die Aufgabe der antimono­polistischen, der kommunistischen wie Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung, dieses Kreuz zum Erlöschen zu bringen; in der DDR war diese Aufgabe über 40 Jahre lang erfüllt.

 

Anmerkungen:

[1]  Enzyklopädie des Holocaust, herausgegeben von Gutman u. a., München 1998, Bd. II, S. 635.

[2]  Siehe U. Sander (Hg.), Von Arisierung bis Zwangsarbeit, Köln 2012, S. 123.

[3]  Zitiert nach Mimkes, Von Aspirin bis Zyklon B, in: jW, 31.7.2013.

[4]  MEW 1, 413.

[5]  Mimkes, a.a.O.

 

Mehr von Tim Engels in den »Mitteilungen«: 

2018-07: Haarsträubend milde, um einen Hühnerdieb zu erfreuen

2017-12: »Der Dolch des Mörders war unter der Robe des Juristen verborgen«

2015-11: ... wenn die Geschichte dieser Prozesse ungeschrieben bleibt