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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Kaffee-Mix – vor 45 Jahren in der DDR eingeführt

Hellmut Naderer, Oelsnitz

 

Wer erinnert sich noch an den Kaffee-Mix [1]? Das Kaffeeprodukt setzte sich etwa zur Hälfte aus Kaffee und zur anderen Hälfte aus Getreide, Erbsen, Zichorie zusammen und führte in der DDR zu äußert kritischen Reaktionen. Obwohl das Kaffeeprodukt nicht lange existierte, ist es wert, etwas über Hintergründe und Zusammenhänge zu erfahren.

Die Zeit des Sonntagskaffees war auch in der DDR zeitig vorüber. Weder in Gaststätten, Betriebskantinen, Büros und Haushalten durfte der Kaffee fehlen, gleichgültig ob früh, mittags oder abends. Der Bedarf an Kaffee, den der Handel zu decken hatte, war immens, aber Kaffee wächst nicht in der DDR und einzukaufen ist er nur cash gegen Dollar, die bekanntlich rar waren und für Wichtigeres zur Verfügung stehen mussten. Hinzu kam 1976 eine Kaffeemissernte in Brasilien, dem Kaffeelieferanten Nr. 1, die die Preise weiter steigen ließ.

Partei und Regierung suchten Möglichkeiten, Kaffee aus befreundeten Ländern zu beziehen, in dem sie Handelsbeziehungen knüpften. Äthiopien, Angola, Laos, Nikaragua, Vietnam waren Länder, in denen Kaffee gedeiht und die bereit waren, ihre Wirtschaft mit Hilfe von Investitionsgütern aus der DDR aufzubauen und diese mit Kaffee zu bezahlen. Das interessanteste Vorhaben dürfte Vietnam betreffen.

Kaffeekombinat Vietnam-DDR

Am 20. Oktober 1980 wurde das Abkommen über Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen der DDR und Vietnam abgeschlossen. Es sah vor, dass Vietnam auf der Basis eines Kredites Investitionsgüter aus der DDR kauft, damit seine Kaffeeproduktion erweitert und schließlich den Kredit mit Kaffee zurückzahlt. Möglich war es auch, dass Vietnam über die DDR Waren kauft, die nicht in der DDR hergestellt, aber für den Kaffeeanbau benötigt wurden, z.B. Belarustraktoren aus der UdSSR und Beregnungspumpen aus der ČSSR. Begleitet wurde das Handelsabkommen durch umfangreiche Solidaritätsgüter, die von privaten Spenden der DDR-Bevölkerung finanziert wurden. Neben Artikeln wie Decken, Stoffen, Mopeds und anderen Dingen für das Leben der Bevölkerung der Provinz wurden eine Schneiderwerkstatt und eine Werkstatt für Elektrogeräte eingerichtet. Nach der Gründung des Kaffeekombinates Vietnam-DDR (Việt-Đức) am 19. Februar 1981 kamen eine Tischlerwerkstatt und eine Technikwerkstatt dazu. Die Einrichtung dieser Werkstätten und die Einweisung der vietnamesischen Arbeiter oblagen Handwerkern der DDR-Handwerkskammer. Ein Tischler äußerte, dass es beeindruckend sei, dass die DDR als Solidarität Maschinen liefert, die für DDR-Handwerker schwer bis gar nicht zu beschaffen seien.

Die Vietnamesen haben eine alte von den Franzosen geschaffene Plantage im Zentralen Hochland Südvietnams (Tây Nguyên), in der Provinz Đắc Lắc, in der Nähe der Provinzhauptstadt Buôn Ma Thuột (hier begann im März 1975 die Offensive zur Befreiung Südvietnams) als Basis für den neuen Kaffeebetrieb genutzt. Sie wollten mit der Betriebsgründung, die nur mit den Investitionsgütern aus der DDR möglich war, drei Ziele verfolgen: Stärkung der nationalen Wirtschaft, insbesondere der Landwirtschaft, verbunden mit der Erweiterung der Handelsbeziehungen, Sesshaftmachung der regionalen Minderheiten, die traditionell vom Wanderackerbau lebten und damit die damals schon verbotene Brandrodung betrieben und die Verringerung der Bevölkerungsdichte in den Küstenregionen durch Umsiedlung. Die damals dünn besiedelte Region besitzt fruchtbare Basaltböden in einer Höhe von 600 m ü. NN, die sich gut für die Produktion von Kaffee (und auch für Kakao und Kautschuk) eignen.

Der Aufbau des Kaffeekombinates erforderte von allen Beteiligten ein hohes Maß an Willen, Kreativität und Einsatzbereitschaft, denn er begann quasi bei Null. Das Kombinat musste neben der Anzucht der Kaffeepflanzen, der Ackervorbereitung und der Pflege der schon etablierten Pflanzungen für den Aufbau einer Verkehrsinfrastruktur, den Wohnungsbau, die medizinische Betreuung und die Schulbildung der Beschäftigten sorgen. Auch Sicherheitsfragen nahmen einen breiten Raum ein, denn es gab auch dort und damals »Störfeuer« westlicher Staaten, die Separatisten unterstützten, die das Zentrale Hochland mit seinen Minderheiten aus Vietnam herauslösen wollten.

Wir fünf DDR-Spezialisten, deren Leiter ich war, hatten die Aufgabe, bei der Planung und Leitung großer landwirtschaftlicher Betriebe zu unterstützen, bei der Anwendung von Düngern und Pflanzenschutzmitteln, der Jungpflanzenanzucht, der Einhaltung von Qualitätsparametern sowie bei technologischen Prozessen beim Einsatz von Agrartechnik und der Reparatur, der Ersatzteilbestellung, -bevorratung von Technik zu beraten. Wir wurden zwar als Freunde anerkannt, hatten eine gute Unterkunft und wurden gut betreut, mussten uns aber nicht nur an das veränderte Klima gewöhnen. Hatten wir in der DDR schon den Landwirtschaftsfunk und Telefon sowieso, wurden im Kombinat Nachrichten mittels Kassibern übermittelt. Auch die Möglichkeiten des Personentransportes waren eingeschränkt. So mussten die fünf Direktoren der zum Kombinat gehörenden Teilbetriebe zur Dienstbesprechung per Anhalter, mit Traktor oder Fahrrad anreisen. Auch die Tatsache, dass die Kaffeeproduktion in manchen Situationen nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, weil die Sorge um die Menschen vorging, bedurfte bei uns eines Umdenkens. Obwohl auch die UdSSR, Polen, die ČSSR, Rumänien und Bulgarien Kaffeeabkommen abschlossen und aus diesen Abkommen auch Kaffeekombinate hervorgingen, blieben wir DDR-Leute die Einzigen, die ständig in dem vietnamesischen Kaffeebetrieb arbeiteten.

Solidarität und Vertragstreue

In den ersten fünf Jahren nach Gründung des Kombinates waren 5.500 ha Kaffeeplantagen regeneriert bzw. zum größeren Teil neu gepflanzt. Das heißt, dass in einem Jahr mehr als 1.000 ha neu gepflanzt wurden. Dafür mussten bei 1.330 Pflanzen pro ha weit über eine Million Jungpflanzen zuzüglich Nachpflanzung und Pflanzung der erforderlichen Schattenbäume unter Schattendächern angezogen werden. Da der Anbau von Robusta-Kaffee viel Wasser benötigt, wurden Wasserreservoire mit einem Fassungsvermögen von 20 Mio. m3 geschaffen. Auch Flächen zum Trocknen der Kaffeekirschen, Lagerräume und andere für die Kaffeeproduktion erforderliche Einrichtungen wurden errichtet. Zur Erschließung der Plantagen und der neu gegründeten Dörfer wurden 100 km Pisten und 35 km Asphaltstraßen gebaut. Außerdem wurden ein Dienstleistungssystem, ein Schulsystem für Grund-, Mittel- und Oberschule, ein Zentralkrankenhaus mit vielen kleinen Heilstationen sowie ein System von Kindergärten für die damals 10.000 Beschäftigten eingerichtet. Zur Ablösung der primitiven und störanfälligen Energieerzeugung wurde mit Unterstützung der DDR das Wasserkraftwerk in Ðray H’linh errichtet. In einer Publikation des Kombinates heißt es: »Dass dieser Erfolg erzielt worden ist, liegt auch an der vertragsgerechten Verwirklichung des Abkommens und der effektiven Unterstützung der DDR durch die termingerechte Lieferung von 18.000 Tonnen technischer Ausrüstungen sowie den Einsatz einer Gruppe Agrarspezialisten, die sich ständig gemeinsam mit den vietnamesischen Kollegen um die festgelegten Ziele bemühen.« 1986 wurde in einem zweiten Abkommen die Anbaufläche um weitere 5.000 ha auf insgesamt 10.000 ha erhöht. Auch dieses Ziel wurde (nach 1989) erreicht.

Entgegen anderer Mitteilungen wurde der erste Rohkaffee im Jahr 1986 an die DDR geliefert. Auch wenn es sich dabei um eine eher symbolische Menge gehandelt haben wird (die volle jährliche Rate sollte 5.000 Tonnen sein), war es für die Vietnamesen eine Dokumentation des Erfolges und ihrer Vertragstreue. Insgesamt war das Abkommen eine Demonstration der gegenseitigen Hilfe. Es wurde auf Augenhöhe zum gegenseitigen Vorteil verhandelt und abgeschlossen. Anders als Entwicklungshilfe kapitalistischer Prägung: Carl-Dieter Spranger (CSU, von 1991-1998 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit) meinte, für 1 DM Entwicklungshilfe müssten für die deutsche Wirtschaft 3 DM zurückkommen.

Nach 1989 trennte die Nachfolgerin der DDR, die BRD, das Abkommen in einen Teil Handel und einen Teil Entwicklungshilfe. Beides wurde ausgeschrieben und privatisiert. Den Zuschlag erhielt in beiden Fällen die Neumann-Gruppe – der größte deutsche Kaffeehändler, der in fast allen kaffeeproduzierenden Ländern einkauft, aber dem Konsumenten im Verborgenen bleibt, da dieser nur die Namen der Kaffeeröster kennt.

Schon seit einigen Jahren hat Vietnam auf der Grundlage der seinerzeitigen Hilfe durch die sozialistischen Länder seinen Kaffeeanbau extrem erweitert und ist damit nach Brasilien der zweitgrößte Kaffeeexporteur weltweit geworden. Wie bei allen Monokulturen beginnen sich auch beim Kaffeeanbau ökologische Probleme einzustellen. Beim Anbau von Robustakaffee im Zentralen Hochland Südvietnams ist es vor allem das Wasserproblem. Zur Bewässerung wird inzwischen auch das Grundwasser genutzt, wodurch der Grundwasserspiegel so weit abgesenkt wird, dass er sich in der Regenzeit kaum wieder erholen kann.

Inzwischen wird neben Robusta insbesondere im Norden Vietnams auch Arabica angebaut. 2020 wurden insgesamt fast 170.000 Tonnen Kaffee geerntet. Hauptmärkte sind die USA, Japan und vor allem Deutschland.

Wer echten vietnamesischen Kaffee kosten möchte, sollte vietnamesische Originalabfüllung kaufen und exakt landestypisch brühen.

Anmerkung: 

1 im Volksmund auch »Erichs Krönung«.

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