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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Faschismus und Kapital

Ulrich Sander, Dortmund

 

Es folgt ein kurzer Auszug aus dem Referat »Kontinuitäten. Die politische Agenda der deutschen Konzerne nach 1945«, das Ulrich Sander auf der Tagung »Konzerne und Rechtsentwicklung – damals und heute« am 29. Oktober 2022 in Wuppertal gehalten hat. Danke für die freundliche Genehmigung! – Die Tagung wurde von der Marx-Engels-Stiftung e.V. in Zusammenarbeit mit der VVN-BdA NRW mit Blick auf den 90. Jahrestag der Machtübertragung veranstaltet. Der komplette Text erscheint im Januar 2023 in den Marxistischen Blättern. Man findet ihn auch online unter www.marx-engels-stiftung.de/f/20221029_U-Sander_Kontinuitaten.pdf . – Red.

 

Die Rolle der ökonomischen Eliten in den Schicksalsjahren 1932/33 aufzuzeigen bedeutet, die Frage zu stellen: Wie konnte es dazu kommen? In wenigen Wochen jährt sich die Machtübertragung an Hitler zum 90. Mal. Wir müssen uns fragen: Wie verhindern wir, dass es wieder zu Derartigem kommt?

Erich Kästner hat vor 65 Jahren gewarnt: »Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf.«

Was war 1928? Zwischen 1928 und 1930 machte die NSDAP bei Wahlen einen Sprung von 2,6 Prozent der Stimmen auf 18 Prozent, und 1932 waren es dann 37 Prozent. Die Partei für die heutigen Nazis, die AfD, hat an Wählern nicht den Stand der NSDAP von 1930, sondern zum Bundestag ca. zehn Prozent (in Umfragen liegt die AfD im November 2022 bei 14 Prozent). Zudem hatte die NSDAP damals weit bessere Beziehungen zu den ökonomischen Eliten als die AfD heute. Doch wenn die umfassende Krise von heute nicht anders überwunden werden kann, dann ist auch das enge Bündnis der Wirtschaft mit der Partei der Nazis wieder denkbar. Einer der reichsten Männer Deutschlands, der Bankier Baron von Finck, hat bereits Gelder für die AfD bereitgestellt. Und die ehemalige Zyklon B-Produzentin und IG Farben Partnerin Degussa macht Geschäfte zugunsten der AfD. Aus der Schweiz fließen der AfD bekanntlich Mittel schwer reicher Kreise zu. Ein Unterschied besteht ferner zu den Verhältnissen der dreißiger Jahre. Es existiert eine gut funktionierende staatliche Parteienfinanzierung und Wahlkampfkostenerstattung. Die AfD als Partei für Nazis bekommt reichlich staatliche Mittel, demnächst wohl auch Stiftungsgelder a la Friedrich-Ebert-Stiftung. Ein Vorteil für die Rechten gegenüber früher besteht auch darin, dass die Militärkaste ganz ungeniert in der AfD wirken darf; dies war der Reichswehr verwehrt, jedoch wirkten viele Offiziere insgeheim in der Nazipartei.

Insgesamt gilt: Die Großwirtschaft ist heute mit dem Kapitalismus der parlamentarischen Demokratie bestens bedient. Die Regierungsparteien sind ihr zu Diensten. Die Kontinuitäten funktionieren.

* * *

[…] Wenige Tage nach Beginn seiner Kanzlerschaft traf Adolf Hitler die Führung der Reichswehr, und sie legte zu seiner großen Befriedigung einen Plan vor, den sie seit 1925 verfolgte: Den Ausbau der Armee in wenigen Jahren bis zur Kriegsfähigkeit. [1]

Und heute? Wenige Tage nach Beginn des Krieges Russlands gegen die Ukraine legte Kanz­ler Olaf Scholz in seiner Zeitenwende-Rede einen Plan der umfassenden Militarisierung mit 100 Milliarden Sondervermögen – richtig muss es heißen: Kriegskredite – für die Bundes­wehr und Aufstockung des jährlichen Rüstungsetats auf zwei Prozent des Bruttoinlands­produkts vor – die Militärführung hatte wieder gute Vorarbeit geleistet. Deutschland auf dem Weg zur führenden Macht im Kampf Westen gegen Osten/Süden im Weltmaßstab.

Rheinmetall

Waffen und die Munition für fürchterliche Kriege kamen in zwei Weltkriegen von Rheinmetall. Und nun ist es wieder so. Zu der Vorgeschichte:

Der Geschichte der Waffenfabriken auch dieses Konzerns ist nur ein Lichtblick zu entnehmen – als im August 1918 die Arbeiter der Waffenfabriken in Berlin die Arbeit niederlegten und zum Sturz der Monarchie beitrugen und zum Ende des Krieges. Noch während der Novemberkämpfe 1918 wurden jedoch aus der Kasse von Borsig/ Rheinmetall Millionenbeträge für eine »Antibolschewistische Liga« bereitgestellt, die damit die Freikorps finanzierte, die Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und Tausende für ihre Rechte und revolutionären Forderungen kämpfende Arbeiter ermordeten. Als der Konzern 1933 in Konkurs ging, da war das kein Glücksfall für die Demokratie, sondern für die Nazis. Sie retteten Rheinmetall. Der staatliche Einfluss durch Institutionen der Wehrmacht und die Eingliederung von Rheinmetall/Borsig in das Staatsunternehmen Reichswerke Hermann Göring nahm ständig zu. Bald war das Unternehmen in die planmäßige Kriegsvorbereitung integriert. Diese Eingliederung bei Göring rief Widerspruch hervor bei Friedrich Flick und anderen Industriellen, die Hitler um ihrer Profite und ihres Dranges zum Krieg willen an die Macht gebracht hatten. Unwillen über »Sozialisierung«, den sie später als eine Art Widerstand ausgaben. Doch Hermann Göring antwortete ihnen: Wartet ab, ihr bekommt schon noch Euren Anteil. Und so schritten den Blitzkriegern die Konzernvertreter hinterher, um Stahlwerke und anderen Betriebe zu arisieren und zu rauben und 15 Millionen Zwangsarbeiter ins Reich zu holen, auf dass sie als Sklaven u.a. für Rheinmetall arbeiteten. Viele starben daran. Viele Tausend Sklaven schufteten an den Standorten der Rüstungsindustrie. Zum Holocaust an den europäischen Juden gehörte auch das Programm »Vernichtung durch Arbeit«. […]

Bedeutende Wirtschaftshistoriker wie Ulrich Herbert (BRD) [2] und Dietrich Eichholtz (DDR) belegten, dass das Wirtschaftswunder in der BRD in erheblichem Ausmaß den Zwangsarbeitern und der Ausbeutung Europas zu verdanken war. Deutschland hatte zwar den Krieg verloren, aber am Krieg verdient. Otto Köhler stellte fest: »Der deutsche Wohlstand nach 1945 und Ludwig Erhards vermeintliches Wirtschaftswunder beruhen auf dem durch den deutschen Angriffskrieg verlorenen Wohlstand der Völker Europas.« […]

Der Kapitalismus muss nicht zum Faschismus führen, aber – um ein Wort von Primo Levi zum Holocaust leicht abzuwandeln – bei uns ist es geschehen, und es kann wieder geschehen. Heute geht es nicht um die Feststellung aus der Gedenkstätte Steinwache in Dortmund: Die Schwerindustrie setzte auf die Nazis. Es geht um dies: Die Rüstungsindustrie setzt auf die größte Koalition, unterstützt von dem Oligarchen und BlackRock-Rüstungs-Industriellen Friedrich Merz. Ampel und Union vertreten vor allem die Interessen der US-Rüstungskonzerne, der deutschen Waffenlieferanten, der Militärs, aber auch jene der deutschen wie Rheinmetall. [...]

Warum der Paradigmenwechsel?

Vom Ausklammern der Kapitalismuskritik aus dem antifaschistischen Diskurs ist entschieden abzuraten. Erinnert sei an die antikapitalistischen Aussagen von SPD und CDU in der Zeit nach 1945. Diese besagten, dass »der Kapitalismus den Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden« sei. Es war allgemeine Erkenntnis, dass auch der Militarismus zu bekämpfen sei, der in den Krieg führte.

Papst Franziskus sagte kürzlich: »Diese Wirtschaft tötet«, weil sie Menschen wie »Müll behandelt«. [3] Der Versuch, eine solche Kapitalismuskritik zu verbieten, zeigt sich in der Gedenkstättenarbeit. Bis 1990 gab es in den Gedenkstätten Aussagen, z.B. zum Verhältnis der Schwerindustrie zu Gunsten des Faschismus, den diese Industriellen 1933 ermöglichten. Dann wurden alle Historiker der DDR entlassen, die derartiges, was in unseren Gedenkstätten durchaus gängige Aussage war, geschrieben und gelehrt hatten.

Und die Gedenkstätten wurden umgestaltet. Wo es in der Gedenkstätte Dortmund-Steinwache hieß, die Schwerindustrie setzte auf Hitler, da setzt man nun zu einer Neugestaltung an, wie sie bereits in Oberhausen, Essen und Wewelsburg geschah. Besonders skandalös: Das Ausklammern jeder Erwähnung des Freundeskreises Reichsführer SS in der Wewelsburg, die Sitz der Kultstätte der SS war und auch Tagungsort des Freundeskreises mit seinen Mitgliedern, die nach 1945 wieder wichtige Positionen einnahmen.

Auch im Münchener NS-Dokumentationszentrum, in dem die Grundfinanzierung der NSDAP durch reiche Hitlerfans durchaus vermerkt wurde, gilt dies: »Die Partei wurde zwar von Teilen des Bürgertums und der Industrie unterstützt, zentral für ihren Aufstieg waren aber die Spenden- und Einsatzbereitschaft ihrer Mitglieder.« [4]

Als ich mich nach dem Grund des Paradigmenwechsels in Dortmunds Gedenkarbeit erkundigte, schrieb man mir: »Das politische Engagement der deutschen Großunternehmen beim Aufstieg des Nationalsozialismus wird in der Geschichtswissenschaft in den letzten Jahren eher als gering eingestuft.« So der Kulturdezernent Jörg Stüdemann, der mir weiter schrieb: »Zentral bleiben für uns – wie für nahezu die gesamte Fachwissenschaft – hier weiterhin die von Henry Ashby Turner 1985 in seinem zentralen Werk ›German Big Business and the Rise of Hitler‹ dargestellten und in gründlicher Quellenarbeit erarbeiteten Ergebnisse.«

Diese »Ergebnisse«, diese Aussagen Turners sind über 35 Jahre alt und längst auch von maßgeblichen bürgerlichen Historikern – z. B. Adam Tooze – widerlegt. [5]

Doch warum ist es für die herrschenden Ideologen so wichtig, an Turners Falschaussagen festzuhalten?

Turner schrieb: »Entspricht die weit verbreitete Ansicht, dass der Faschismus ein Produkt des modernen Kapitalismus ist, den Tatsachen, dann ist dieses System kaum zu verteidigen«. Dies ist bezeichnend. Und so wird von den Kapitalismus-Verteidigern aus den konservativen Reihen sogar der Verfassungsschutz bemüht, um kapitalismuskritische Äußerungen zu denunzieren. […]

Letztes Tabu

Sehr spät haben sich bundesdeutsche Wissenschaftler der Täter angenommen. Allerdings nicht aller Täter. Ausgespart wurden häufig die Täter aus der Wirtschaft. Um die ging es uns bei der Spurensuche und geht es in dem Buch »Von Arisierung bis Zwangsarbeit – Ver­brechen der Wirtschaft an Rhein und Ruhr«. Wir meinen, jedes Gedenken muss zum Han­deln führen, das heißt: Nicht nur nicht vergessen, sondern auch: Es nie wieder zulassen.

Die Verbrechen der Wirtschaft 1933-1945 aufzudecken und das Weiterwirken der kapitalistischen Akteure aufzudecken, das bedeutet, ein letztes Tabu anzugreifen, wie Ulrich Schneider in seinem Vorwort zu »Von Arisierung bis Zwangsarbeit« schrieb. Die Überwindung dieses Tabus ist nicht vollendet. Wir müssen dranbleiben. [6]

Leider sind wir weit entfernt von der Beherzigung der folgenden Warnung:

Peter Gingold, Widerstandskämpfer und unermüdlicher Mahner, hinterließ uns diese Aussage: »1933 wäre verhindert worden, wenn alle Gegner der Nazis ihren Streit untereinander zurückgestellt und gemeinsam gehandelt hätten. Dass dieses gemeinsame Handeln nicht zustande kam, dafür gab es für die Hitlergegner in der Generation meiner Eltern nur eine einzige Entschuldigung: Sie hatten keine Erfahrung, was Faschismus bedeutet, wenn er einmal an der Macht ist. Aber heute haben wir alle diese Erfahrung, heute muss jeder wissen, was Faschismus bedeutet. Für alle zukünftigen Generationen gibt es keine Entschuldigung mehr, wenn sie den Faschismus nicht verhindern!«

Ulrich Sander ist Mitglied des Bundesausschusses der VVN-BdA. – Im August 2018 veröffentlichten die »Mitteilungen« seinen Aufsatz »Die ›Kriegsendphasenverbrechen‹ der Nazis«.

 

Anmerkungen:

[1]  Tagung am 3.2.1933 im Heeresamt, als »Geheimste vom Geheimen eingestuft.«, nach FR v. 6.3.97 und Ulrich Sander, Die Macht im Hintergrund. Militär und Politik in Deutschland, Köln 2004.

[2]  Interview in Süddeutsche Zeitung, 29.12.1998.

[3]  Lt. Vatican News, 15. April 2022.

[4]  Unter der Überschrift »Partei in der Weltwirtschaftskrise«, Zitat von Seite 92 des Katalogs aus München.

[5]  Adam Tooze: Ökonomie der Zerstörung. Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus, Siedler Verlag, München 2007, 927 S., 44 Euro. Ich verweise besonders auf Seite 129 bei Tooze über das wenig bekannte »Spenden-Rendezvous« Hitlers mit der Schwerindustrie drei Wochen nach der Machtübergabe in Görings Reichtagspräsidentenpalais: »Einmal ganz abgesehen von den Folgen, zählt dieses Treffen vom 20. Februar [1933] zu den berüchtigtsten Beispielen für die Bereitschaft des deutschen Großunternehmertums, Hitler bei der Aufstellung seines diktatorischen Regimes beizustehen.« ... »Krupp und Konsorten (wurden) von Hitler nie gezwungen, sich seinem gewalttätigen Antisemitismus oder sich seinen Eroberungsplänen anzuschließen.« Siehe auch: Éric Vuillard »Die Tagesordnung«, Prix Goncourt, Berlin, 2018.

[6]  Siehe www.verbrechen-der-wirtschaft.de, https://verbrechen-der-wirtschaft.vvn-bda.de/, https://nrw-archiv.vvn-bda.de/ai.htm, https://nrw-archiv.vvn-bda.de/, https://nrw-archiv.vvn-bda.de/brosch.htm, ferner: Ulrich Sander, Gisela Blomberg u.a. Von Arisierung bis Zwangsarbeit. Verbrechen der Wirtschaft an Rhein und Ruhr 1933-1945. Papyrossa Verlag, Köln 2012.

 

Mehr von Ulrich Sander in den »Mitteilungen«: 

2019-08: Die »Kriegsendphasenverbrechen« der Nazis

2016-09: Gegen alle Linken

2012-10: Der Kampf der Bundeswehr im Landesinneren

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