Zum Hauptinhalt springen
Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Eine Meinung über die "Israelfrage"

Victor Grossman, Berlin

 

Heiß diskutiert in der ganzen Welt sind die Themen Antisemitismus, Israel, Palästina. Hier sind sie besonders kompliziert und sensibel, eben, weil Nazi-Deutschland sechs Millionen jüdischer Europäer ermordet hat, und weil deshalb das heutige Deutschland besondere Verantwortung trägt, um jeglicher Art von Antisemitismus, jedem Klischee über jüdische Weltverschwörungen oder jüdische "Mitschuld" entschlossen entgegenzutreten, auch falls sie innerhalb der eigenen Reihen ihre Köpfe erheben.

Genauso verurteilt und bekämpft werden muß auch jeder Versuch, das jüdische Volk oder ganz Israel wegen jetziger Ereignisse zu verurteilen oder gar zu verdammen. Vor allem die Neonazis mißbrauchen die heutige Politik Israels, um ihre giftigen Verallgemeinerungen und Klischees zu verbreiten.

Wenn uns die Geschichte und die Ideen von großen Denkern irgend etwas gelehrt haben, dann auch, daß kein Volk ein einheitliches Ganzes darstellt. Deutschland bestand nie nur aus Nazis oder aus Marx-Anhängern. Beide fanden verschiedentlich mehr oder weniger Anhänger. Und die USA bedeuteten niemals nur Typen wie Bush und Cheney.

Das trifft genauso für die arabischen Länder zu, und auch für Israel. Zu respektieren sind die alten Kibbuzniks, die mit heißem Herzen ein sozialistisches Land aufbauen wollten. Hoch zu ehren sind jene mutigen Israelis, die sich für Freundschaft und Frieden mit ihren palästinensischen Nachbarn einsetzen – manchmal direkt an der im Bau befindlichen Mauer. Mittrauern soll man mit jenen Israelis, die ihre Lieben durch Bomben oder Geschosse verloren. Die meisten arbeitenden Menschen, die Überlebenden der Shoah und ihre Familien stehen uns nahe.

Doch warum soll man einen Sharon, einen Netanjahu, einen Olmert ehren? Warum ihre Politik unterstützen, die seit 1967 trotz aller UNO-Beschlüsse palästinensisches Gebiet besetzt und seine Bewohner wie Feinde behandelt, Ortschaften abschneidet, Bäume fällt, Wege versperrt und das Leben verleidet? Trotzten sie nicht allen Aufforderungen, und brachen sie nicht eigene Versprechen, um immer größere Siedlungen auf palästinensischem Gebiet zu bauen? Leiden nicht Frauen und Kinder in Gaza unter einer Politik der Bestrafung ungenehmer Gruppen? War es nicht die Regierungspolitik von Israel, Apartheid-Südafrika auch nuklear zu unterstützen? Hat nicht die Regierung etliche Tyrannen in Lateinamerika unterstützt? Stimmt nicht Israels UNO-Vertreter immer wieder zusammen mit dem USA-Vertreter, fast allein, für das Embargo gegen Kuba? Das ist nicht die echte Stimme des israelischen Volkes, die sich in zahllosen Protesten von Schriftstellern wie Oz und Avnery äußert, von Anwälten wie Felicia Langer, in den Taten der "Refusniks", die es ablehnen, gegen Palästinenser militärisch vorzugehen. Solche Israelis, nicht die Olmerts und Netanjahus, verdienen die Unterstützung unserer Partei.

Zum Wesen von Linken in allen Ländern gehört der Einsatz für Unterdrückte, für den "Underdog", ob jüdisch, arabisch, schwarz oder weiß. Vor 65 Jahren waren das Juden, Roma und Sinti, jüdische wie nichtjüdische Polen, Jugoslawen, Russen, Griechen. Heute muß das den Palästinensern gelten.

Seit 2004 haben Palästinenser 11 israelische Kinder getötet. Eine schreckliche Zahl. Doch im selben Zeitraum wurden 452 palästinensische Kinder von israelischen Waffen getötet, und seit 2000 mehr als Eintausend. Man frage sich: Wessen Leben, wessen Zukunft sind mehr wert, die eines jüdisch-israelischen oder eines palästinensischen Kindes? Die Antwort aller Linken – und nicht nur von Linken – muß heißen: Alle sind sie uns gleich wert. Wir müssen das Ende von Besetzungen und Feindlichkeiten unterstützen und die Chancen von zwei freien Nachbarn, unabhängig, gesichert, mit gleichen Chancen für alle Kinder, in Frieden zu leben.

Victor Grossman gehört zu den Unterzeichnern der im Heft 6/2008 dokumentierten Erklärung "Staatsräson und Regierungsbeteiligung".

 

Mehr von Victor Grossman in den »Mitteilungen«: 

2008-04: Martin Luther King jr. – in memoriam