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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Ein Denkmal für die SS

Dr. Ulrich Schneider, VVN-BdA

Zedelgem/Belgien gedenkt der lettischen Legion

Geschichtsvergessenheit und Ansätze der Geschichtsrevision sind Tendenzen, die nicht nur in den baltischen Staaten, in Polen und der Ukraine zu erleben sind, sondern auch in Westeuropa. Besondere Schlagzeilen macht dabei die westflämische Kleinstadt Zedelgem. Vor drei Jahren entschied man sich, am Ort eines alliierten Kriegsgefangenenlagers ein Denkmal zu Ehren der hier umgekommenen lettischen SS-Freiwilligen zu errichten.

Laut Gemeinde entstand die Denkmalsidee am Ort des ehemaligen Internierungslagers durch staatliche lettische Stellen, die auch bei der Einweihung anwesend waren. Es ist ein Projekt der Gemeinde Zedelgem und des Museums der Besatzung Lettlands. Man erklärte der Gemeinde, dass es sich bei der »lettischen Legion« im eigentlichen Sinne um antibolschewistische »Freiheitskämpfer« gehandelt habe, die im Sinne europäischer Verständigung durchaus ein Denkmal verdient hätten. Und so wurde das Denkmal »Der lettische Bienenstock« am 23. September 2018 eingeweiht, etwa drei Kilometer vom ehemaligen Kriegsgefangenenlager entfernt.

Das Denkmal besteht aus einem bronzenen Bienenstock auf einer Säule aus poliertem Edelstahl, besetzt mit Hunderten von vergoldeten Bienen. Der Bienenstock sei die Nation, die Bienen seien die Bewohner: fleißig und friedlich, solange sie nicht bedroht werden. Der Klang der summenden Bienen vermittle die Lebendigkeit einer harmonischen Gesellschaft, so die Begründung dieses Denkmals. Das von dem lettischen Künstler Kristaps Gulbis entworfene Zeichen symbolisiere »die Freiheit in all ihren Aspekten«. Es vereine die gemeinsamen europäischen Werte und die Symbolsprache, die von allen Europäern verstanden werden, mit etwas Besonderem und visuell Eindrucksvollem, das nur für Lettland charakteristisch sei.

Das Denkmal und die Erläuterungstafeln verzichten bewusst auf die Symbole der SS, obwohl die hier internierten Kriegsgefangenen Angehörige der »lettische Legion« waren, einer Einheit der Waffen-SS. Viele Männer der Legion stammten aus lettischen Hilfspolizeibataillonen, die an den Massakern an Juden beteiligt waren. Drei Viertel der lettischen Juden wurden während des Holocausts ermordet. Die 1943 gegründete Legion bestand aus der 15. Waffen-Grenadier-Division (1. lettische) und der 19. Waffen-Grenadier-Division (2. lettische) der Waffen-SS. Etwa 146.000 Letten kämpften in der Legion.

Während mit einem solchen Denkmal also Kollaborateure der Waffen-SS, die im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher als verbrecherische Organisation verurteilt wurde, geehrt und damit faktisch rehabilitiert werden, finden alljährlich am 16. März, dem lettischen Nationalfeiertag, in Riga Aufmärsche zu Ehren der lettischen Legionäre statt, bei denen die SS-Veteranen als »Helden« bejubelt werden. Gleichzeitig nehmen an diesen Märschen auch lettische Neonazis teil, die voll Stolz das Abzeichen der 15. Division tragen. Lettische Antifaschisten, jüdische Organisationen und Angehörige der russischen Gemeinschaft in Lettland protestierten immer wieder gegen diese Paraden zur Verherrlichung des Nazismus. Mehrere Jahre konnten die VVN-BdA und FIR diese Proteste gegen NS-Verherrlichung in Riga – trotz Repressalien durch die lettischen Sicherheitsbehörden – unterstützen.

Der Denkmalsstreit und seine nationalistische Instrumentalisierung

Ende 2020 erschienen in Belgien erste kritische Berichte in Online-Medien. Seitdem entwickelte sich eine öffentliche Debatte um dieses Denkmal. Veteranen und antifaschistische Organisationen wie »Ami – entends-tu«, »The Belgians Remember them«, »Group mémoire« und die jüdische Gemeinschaft in Belgien verurteilten diese skandalöse Gedenkpraxis. Selbst im belgischen Parlament sprachen sich Anfang Juni 2021 Abgeordnete gegen diesen Gedenkort aus. Insbesondere französischsprachige Zeitungen kritisieren die Geschichtsvergessenheit.

Die FIR forderte, das Denkmal zu beseitigen, da es erstens eine Gruppe von Militärangehörigen ehre, die nicht zu ehren sind. Zweitens sei das Denkmal in seiner ästhetisch/ikonographischen Gestalt eine vollkommene Verharmlosung der verbrecherischen Organisation der SS und ihrer Angehörigen. Das Einzige, was an diesem Ort sinnvollerweise gemacht werden könne, wäre, eine Aufklärungstafel über die Verbrechen der SS-Freiwilligen zu ergänzen.

Dagegen verwahrte sich die Gemeinde und sprach von »Fake News« der französischsprachigen Medien. Rückendeckung erhält die Gemeinde durch die flämischen Nationalisten, ohne dass diese in der Gemeinde selber die Mehrheit hätten. Sie verbinden mit diesem Denkmalsstreit offenkundig auch die Hoffnung, die Freiwilligen der flämischen SS-Einheiten rehabilitieren zu können. Lettische Zeitungen machten sich ebenfalls für das Denkmal stark, zeigten dabei aber ihre ideologische Haltung, indem das Simon-Wiesenthal-Institut als »Holocaust-Business« und die Kritiker des Denkmals als russische Einflussagenten denunziert wurden. Der Streit wird nach der Sommerpause in Belgien sicherlich fortgesetzt.

Quelle: antifa – https://antifa.vvn-bda.de/2021/09/08/ein-denkmal-fuer-die-ss/, 9. September 2021

Hinweis: Die »antifa«, das Magazin der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e. V. für antifaschistische Politik und Kultur, erscheint zweimonatlich und ist zu beziehen über: Zeitschrift »antifa«, Magdalenenstraße 19, 10365 Berlin. E-Mail: antifa.abo@vvn-bda.de. Der Bezug im Abonnement kostet 21,00 € jährlich (ermäßigt 10,50 €, Soli-Abo 42,00 €). Der Einzelpreis beträgt 3,50 € je Ausgabe. Für Mitglieder der VVN-BdA sind die Kosten für den Bezug der »antifa« als Mitglieder-zeitschrift im Mitgliedsbeitrag enthalten.

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