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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Der Palast der Republik – ein Haus des Volkes

Rudolf Denner, Berlin

 

Der Palast der Republik wurde ab 1973 dort gebaut, wo einst das Berliner Schloss stand. Dieses Schloss wurde im Februar 1945 durch anglo-amerikanische Bomber in eine Ruine verwandelt. Sie brannte vier Tage lang.

Auch das war ein Ergebnis eines langfristig vorbereiteten verbrecherischen Krieges, ausge­löst vom deutschen Hitlerfaschismus und dessen langjährigen Unterstützern und Nutznie­ßern – unter anderem von den Vertretern des deutschen und amerikanischen Großkapi­tals. Einige wenige Räume des ehemaligen Schlosses wurden von 1946 bis 1948 notdürf­tig geschützt und für Ausstellungszwecke genutzt.

Nach der Spaltung Deutschlands durch die politischen Kräfte um Adenauer und nach der Gründung beider deutscher Staaten 1949 kam es auch zum ideologisch geprägten Streit über die künftige Nutzung des Schlossplatzareals. Die Schlossruine wurde schließlich wie so viele andere Ruinen in Deutschland abgetragen.

Die Behauptung, Walter Ulbricht hätte das Schloss sprengen lassen, gehört zum Arsenal der sogenannten Geschichtsaufarbeiter und fragwürdiger Vereine, unterstützt vom media­len Hauptstadtfilz.

Am 1. Mai 1951 wurde dieses Areal als Marx-Engels-Platz neu eingeweiht und dann für Massenveranstaltungen genutzt, beispielsweise für die III. und X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten. Es gab in der Folgezeit viele Überlegungen, Ideen und Diskussionen zur Gestaltung dieses Ortes in der Mitte Berlins.

In der Tradition der Volkshäuser

Im März 1973 beschlossen das Politbüro der SED und der Ministerrat der DDR den Bau des Palastes der Republik. Im August 1973 begannen die Tiefbauarbeiten. Ausgehoben wurde eine 180 Meter lange, 100 Meter breite und 12 Meter tiefe Baugrube. Daran waren 600 Bauarbeiter und 200 NVA-Soldaten beteiligt.

Vor 50 Jahren, am 2. November 1973, erfolgte die Grundsteinlegung, und ein Jahr später, am 18. November 1974, wurde das Richtfest mit allen Erbauern gefeiert. Am 23. April 1976 wurde der Palast der Republik mit einem Fest für seine Erbauer und deren Angehö­rige eröffnet und wenige Tage später für die Bevölkerung.

Dieses Haus des Volkes war ein multifunktionales Gebäude mit in Europa unbestritten einmaligen Möglichkeiten. Es knüpfte bewusst an die gewerkschaftlichen Traditionen der Volkshäuser in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts an.

Im »PdR« gab es in 13 unterschiedlichen gastronomischen Einrichtungen 1.500 Plätze. Hier fanden in den fast 15 Jahren seiner Öffnung niveauvolle Veranstaltungen – Tage der Volkskunst der DDR-Bezirke, Konzerte mit hochrangigen Orchestern und Interpreten, Thea­terveranstaltungen, die bekannten »Kessel Buntes«, Turniertänze – statt.

Eindrucksvoll war auch das Festival »Rock für den Frieden«, das von 1982 bis 1987 jährlich im Palast der Republik stattfand.

Hier feierten Familien, Brigaden oder auch Betriebe aus ganz unterschiedlichen Anlässen. Nicht zu vergessen sind die Palastbälle und andere bedeutende Veranstaltungen im Großen Saal, einem Wunderwerk der Technik mit einer Platzkapazität, die variabel inner­halb kurzer Zeit von 500 auf bis zu 5.000 Plätze erweitert werden konnte.

Hier fanden auch Parteitage der SED und anderer politischer Organisationen und interna­tionale Kongresse statt. Sie machten etwa fünf Prozent der Gesamtveranstaltungen des Hauses aus.

Das Hauptfoyer mit der Gläsernen Blume war ein bekannter und beliebter Treffpunkt der Bürger Berlins und ihrer Gäste. Dieses Haus war für alle Schichten der Bevölkerung zugänglich und wurde durchschnittlich von 19.000 Besuchern pro Tag genutzt.

Die monatlich herausgegebenen Programmhefte des Palastes verraten auch heute noch eine beeindruckende Vielfalt der Veranstaltungen und Möglichkeiten, gestaltet und organi­siert von den 1.800 engagierten Mitarbeitern des Palastes.

21.000 Veranstaltungen aller Art fanden bis zum Schließungstag am 19. September 1990 statt.

Kampfbegriff »Asbestverseuchung«

Die politischen Ereignisse der Jahre 1989 und 1990 berührten auch den Palast der Repu­blik. Am 18. März 1990 fanden die sogenannten »freien Wahlen« zur Volkskammer der DDR statt. Westliche Politiker mischten sich in den vorausgehenden Wahlkampf trotz der Versprechen ein, sich vom Wahlkampf fernzuhalten, kräftig unterstützt vom bundesrepubli­kanischen Mainstream.

Der Palast der Republik war das zentrale Wahlstudio der Wahl am 18. März 1990. Die neu­gewählten Abgeordneten tagten im Volkskammersaal, fassten Beschlüsse unter der oft sichtlich überforderten Vorsitzenden. Der bekannte freche und vorlaute Berliner Volks­mund bezeichnete diese Truppe bald als Laienspielschar – und das war sie, aus heutiger Sicht betrachtet, in ihrer politischen Naivität in vielen Fragen wohl auch.

Mit der mehrheitlichen Zustimmung zum Artikel 23 des Grundgesetzes der Bundesrepublik wurde letztendlich auch das Schicksal des Palastes der Republik besiegelt.

Anlass war die sogenannte »Asbestverseuchung« des Palastes der Republik, ein ideolo­gisch gefärbter Kampfbegriff anstelle des in Fachkreisen üblichen Begriffs »Asbestbelas­tung«. Ersterer war natürlich besser geeignet zur langfristig angelegten Vernichtung dieses Volkshauses.

Ohne die bestätigten Ergebnisse des Asbestgutachtens abzuwarten, verließen die Abge­ordneten fluchtartig das Gebäude und zogen in ein Haus, dessen Asbestbelastung weitaus höher war als die ihrer bisherigen Wirkungsstätte. Alles sehr dubios und merkwürdig.

Die Umstände der Palastschließung erscheinen auch heute noch dubios und fragwürdig. Das Asbestargument wurde genutzt, um die Vernichtung des Palastes der Republik parla­mentarisch vorzubereiten und letztendlich durchzuführen.

Die zahlreichen Debatten im deutschen Bundestag zum Thema Palast der Republik entlarv­ten auch die Rolle sogenannter Bürgerrechtler der DDR, nunmehr angesiedelt und etabliert bei der CDU, der SPD und den Grünen. Sie lebten ihren Hass auf die DDR auch am Beispiel des Palastes der Republik aus – in Wort und Tat, beim Abstimmungsverhalten und hinter den Kulissen. Alle entsprechenden Protokolle der Bundestagssitzungen wurden vom »Freundeskreis Palast der Republik« dokumentiert.

Vielfältiger und anhaltender Protest

Am 23. März 1993, also vor etwa 30 Jahren, beschloss der gemeinsame Ausschuss Bonn-Berlin den Abriss des Palastes der Republik. Die entsprechenden Weichen dazu wurden Wochen vorher auf einem Spitzentreffen der CDU und FDP auf Bundesebene gestellt. Dabei waren bei diesen Treffen Bundeskanzler Kohl, Bundespräsident Richard von Weiz­säcker, die damalige Bundesbauministerin Schwaetzer und Berlins Regierender Bürger­meister Diepgen. Eingeschaltet wurden natürlich entsprechende Massenmedien.

Die laut seriösen Meinungsumfragen mehrheitliche Meinung der Bevölkerung zum Erhalt des Palastes der Republik wurde von den verantwortlichen Politikern und dem hauptstädti­schen Mainstream in der Folgezeit weitgehend negiert.

Dieser Beschluss löste einen Sturm des Protestes aus. Am 27. März 1993 nahmen ca. 10.000 Bürger am »Protestspaziergang um den Palast der Republik« teil. Dieser Tag gilt als der Beginn des Protestes gegen die Palastvernichtung.

Die Formen dieses Protestes haben sich in den vergangenen drei Jahrzehnten gewandelt. Der Protest ist geblieben, bis in die Gegenwart.

Mehrere Bürgerinitiativen und Vereine gründeten sich, ein breitgefächerter Widerstand gegen die Palastvernichtung entstand, massenwirksame Unterschriftaktionen wurden gestartet, insbesondere durch die Bürgerinitiative »Pro Palast«. Sie organisierte hunderte von Protestaktionen am und um den Palast und anderswo.

Unvergesslich sind beispielsweise die niveauvollen Veranstaltungen unter dem Titel »Ein kleiner Kessel Buntes« im Theater in Berlin-Karlshorst mit viel Prominenz.

Unvergesslich sind auch die vielen Beteiligungen an politischen Veranstaltungen, insbeson­dere der Linken in Berlin und anderswo.

Zahlreich waren die Begegnungen an den unterschiedlichsten Ständen mit Bürgern und prominenten Persönlichkeiten. Weitere Initiativen wurden mit Aktionen öffentlich wirksam, beispielsweise die »Palastretter«. Auch die Aktion »Zweifel« des norwegischen Künstlers Lars Ramberg war auf dem Dach des PdR monatelang nicht zu übersehen.

Im Frühjahr 2002 erarbeitete eine Projektgruppe der TU Berlin eine Machbarkeitsstudie zur Nutzung des Palastes. Vorgesehen war, von 2004 bis 2006 Teile des Palastes mit tem­porären Projekten zu bespielen. Gleichzeitig wurden bereits 2003 Führungen durch den nunmehr entkernten Palast durchgeführt. Mehr als 15.000 Bürger nahmen daran teil.

Im September 2003 inszenierte der bekannte Dirigent Christian von Borries mit dem Bran­denburgischen Staatsorchester den Wagnerkomplex. Das war die erste kulturelle Veran­staltung nach der Palastschließung im Gebäude. Im August 2004 wurde der Palast der Republik als »Volkspalast« eröffnet und fand großen Anklang. Diese Zwischennutzung dauerte zwei Jahre, Ende 2005 wurde sie beendet.

Während dieser Zeit gab es 900 Veranstaltungen, beispielsweise Kunst-, Film,- Sport,-Musik- und Diskussionsveranstaltungen mit insgesamt 565.000 Besuchern.

Der Palast lebt weiter

Belebt wurde gleichzeitig die Diskussion zum weiteren Erhalt und zur weiteren Nutzung des Palastes. Ungeachtet aller Proteste wurde der Palast der Republik ab Januar 2006 abgerissen – ein brutaler Akt der Geschichtsentsorgung und -verfälschung – und gegen den mehrheitlichen Willen besonders der ostdeutschen Bevölkerung.

Mitglieder des Freundeskreises dokumentierten fotografisch verschiedene Abrissetappen im Dezember 2008 das Endstadium des Palastabrisses. Seine Vernichtung hatte mehr Zeit benötigt als sein Aufbau!

Der Freundeskreis Palast der Republik wurde im März 2007 gegründet, nachdem sich die Bürgerinitiative »Pro Palast« im Januar des gleichen Jahres aufgelöst hatte. Er setzt seither bis in die Gegenwart das Wirken und die Tradition dieser Bürgerinitiative unter Beachtung der aktuellen Bedingungen fort. Davon zeugen umfangreiche Recherchearbeiten, die Erar­beitung von Dokumentationen, die Pflege von Vermächtnissen und insbesondere die Vor­bereitung und Durchführung von bisher 32 Wanderausstellungen in Berlin, Radebeul, Bochum und anderswo.

Mit der Leitung der Stiftung Humboldtforum werden seit 2011 sachlich-konstruktive Gespräche geführt. Erklärtes Hauptziel des Freundeskreises ist eine dem Palast der Repu­blik entsprechende Erinnerungskultur im Humboldt-Forum zu erreichen, zu begründen und wenn möglich gemeinsam mit dieser Stiftung zu organisieren.

Der Freundeskreis hat dazu entsprechende Vorschläge unterbreitet und arbeitet aktiv bei der Vorbereitung einer Palastausstellung im Humboldtforum mit. Sie soll im Mai 2024 eröffnet werden.

Für das gleiche Jahr bereitet der Freundeskreis seine 33. Wanderausstellung als erklärtes Gemeinschaftsprojekt des Ostdeutschen Kuratoriums von Verbänden e.V. vor. Der Anlass ist der 75. Gründungstag der Deutschen Demokratischen Republik und der 50. Jahrestag des Richtfestes des Palastes der Republik.

Das entspricht dem Grundanliegen des Wirkens des Freundeskreises: »Der Palast lebt – Trotz alledem«, »Dem Erbe verpflichtet – Erinnerung pflegen«, »Die Wahrheit erkennen – Symbolik gestalten«, »Gegen Geschichtsentsorgung und Verfälschung«.

Dieses Anliegen weist auf die Dimension des Wirkens unseres Freundeskreises hin. Es reicht jedoch über das Thema Palast der Republik weit hinaus als prominentes Beispiel des jahrzehntelangen politischen Umgangs der politisch Verantwortlichen mit ostdeutschen Interessen und Meinungen.

Am 6. Oktober 2023 wurde im DDR-Museum in Berlin erstmalig ein Modell des Palastes der Republik enthüllt (Abb.: Titelbild dieses Heftes) – der Palast lebt weiter – trotz alledem!

Berlin, Oktober 2023.

Rudolf (Rudi) Denner ist Sprecher des Freundeskreises Palast der Republik.

 

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