Zum Hauptinhalt springen

Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Das Beste an ihm ist sein Werk

Dr. Hartmut König, Panketal

 

Zum 110. Geburtstag des Schriftstellers Erwin Strittmatter

 

»Des Lebens Spiel« überschrieb Günther Drommer seine um die Jahrtausendwende erschienene Vita des Dichters Erwin Strittmatter. Er untertitelte bescheiden: »Eine Biogra­fie«. Vermutlich aus Vorsicht. Jedenfalls in Unkenntnis dessen, was acht Jahre später der Literaturwissenschaftler Werner Liersch in der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« über den Hausherrn vom Schulzenhof verbreiten würde. Über jenen Autor, der aus literari­schem Eifer selbst das Familienleben nach den Maßgaben des Schreibfortschritts regelte, der im Sozialismus seine Zeit für gekommen sah, etliches allerdings parteiquer aufnotierte, folglich an Hakeleien mit den Druckgenehmigern geriet und dann doch Traumauflagen erzielte, weil er das schicksalhafte Panorama des 20. Jahrhunderts so konfliktreich wie sprachgewaltig in den Lebensweisen seiner literarischen Helden abbilden konnte. Mehrere Generationen waren mit den Zeit- und Welterfahrungen von Stanislaus Büdner, dem »Wun­dertäter«, aufgewachsen. Wie viel Biografisches Strittmatter in die Entwicklung seiner Roman-Figur einfließen ließ, konnte nicht immer decodiert werden. Aber entscheidende Momente der Romanhandlung wurden als vom Autor erlebt angesehen. Umso explosiver waren Lierschs Ausgrabungen. Manchem galten sie als Aufforderung zur radikalen Korrek­tur des Öffentlichkeitsbildes eines der bekanntesten Literaten der DDR, andere hatten sie als maßlose Geltungsumdeutung, gar als Denkmalsschändung zurückgewiesen.

Als die Historikerin Annette Leo ihre Strittmatter-Biografie zu schreiben begann, kannte sie schon die Liersch-These, der Autor habe falsche Angaben zu seiner Militärzeit während des 2. Weltkrieges gemacht. Er hatte dem Gebirgsjäger-Regiment 18 der Ordnungspolizei angehört, das der SS unterstellt war und in Griechenland sowie Slowenien bei der Partisa­nenbekämpfung eingesetzt wurde. Zwar gab es keine Beweise, dass Strittmatter an Massa­kern seines Bataillons beteiligt war, wohl aber hätte er Kenntnisse dieses Krieges von einem ungewöhnlichen Radius haben müssen. Hat sich also der im Osten so vielgerühmte Schriftsteller der moralischen Verantwortung entzogen, die ihm ein derartiges Wissen auf­erlegte, weil er – anders als auf seine Weise der Westdeutsche Günter Grass – die dunklen Häute dieser Lebensperiode nicht freigelegt hatte?

Annette Leo hat Drommers Vorsicht nicht geteilt und ihrem zum 100. Geburtstag von Erwin Strittmatter im Jahre 2012 erschienenen Buch den letztgültig anmutenden Unter­titel: »Die Biografie« gegeben. Vielleicht, weil sie weiter nachgeforscht und dabei Quellen aufgetan hatte, die Drommer nicht zur Verfügung standen. Vor allem Briefe aus dem per­sönlichen Archiv des Schriftstellers, die dessen Witwe zu Lebzeiten nicht freigegeben hatte. Die Enthüllungen von Werner Liersch, ihres Kollegen aus gemeinsamer Arbeit für die Zeitschrift »Neue Deutsche Literatur«, hatte Eva Strittmatter als ungehörigen Überfall emp­funden. Außerdem waren die kriegspostalischen Zeugnisse aus dem Archivgut für sie ein unbetretenes Terrain. Später, von den Söhnen über Inhalte und Tonfälle einzelner Briefe informiert, hatte sie wohl fortgeschrittene Krankheit daran gehindert, das Gefundene kri­tisch in die Erinnerungen an ihren Mann aufzunehmen. Die Söhne schließlich gestatteten Annette Leo die Sichtung (»Sein Werk ist so groß, es wird das aushalten«), und es erhärtete sich der Schluss, dass Erwin Strittmatter von Verbrechen gewusst haben muss, die seiner Diensteinheit anzulasten sind. Beweise für seine Beteiligung daran ergaben sich indes auch jetzt nicht. Um klar zu sein: Mörder in Uniform sollen auch in Ansehung später erworbener Meriten keine Milde erwarten dürfen. Aber es stand, wenn Mittäterschaft an Kriegsverbrechen keine Beweisgrundlage hatte, die Frage im Raum, wie man mit den verdrängten oder fehlkolorierten Erinnerungen der Kriegsheimkehrer, ja einer ganzen Kriegsgeneration umgehen solle. Wie Fairness zu wägen habe, ob Bilder von Gräueltaten des Krieges, die man selbst nicht verübte, von denen man aber wusste, ohne sie verhindert zu haben oder verhindern zu können, als moralische Belastung durch die verbleibende Lebenszeit getragen wurden. Oder eben nicht.

Das wabernde Verdikt

Seit Lierschs Notaten und wohl auch nach Annette Leos Biografie hat sich jenes »eben nicht« im Gedächtnis heutiger Öffentlichkeit verhakt und wabert seitdem als Verdikt über Autor und Werk. Begrinst von Claqueuren Reich-Ranickis, der Strittmatters literarische Leistung früh dem Orkus anempfohlen hatte. Dankbar nacherzählt von einer Kiepe sozialis­musferner Kommentatoren, die die Entzauberung antifaschistischer DDR-Literatur schon lange für systemisch geboten hielten. Hingegen mit Erschütterung, Ratlosigkeit und Wider­spruch aufgenommen von einer Leserschaft, die die Klagen gegen den Schöpfer ihrer literarischen Schätze für menschlich und geschichtlich unangemessen hielten. Ob es allein literaturwissenschaftlicher Ehrgeiz war, der den Kritikern die Feder führte, sei dahinge­stellt. Bei Annette Leo lese ich auch einen moralischen Antrieb, wenn sie schreibt: »… ich stamme aus einer Familie, deren Mitglieder während der NS-Zeit zu den Verfolgten gehör­ten … Im Laufe meiner Arbeit ist mir deutlich geworden, dass Erwin Strittmatter zu den Menschen gehörte, vor denen meine Eltern sich wohl immer ein wenig gefürchtet haben …« Annette Leos Vater, Gerhard Leo, war als jüdischer Kommunist nach Frankreich emi­griert, hatte sich der französischen Résistance angeschlossen, war dem Tod knapp ent­kommen und 1994 – ohne jedwede empathische Kenntnisnahme der Bundesregierung – zum Chevalier der französischen Ehrenlegion ernannt worden. Nach dem Sieg über die Hitlerei war er in Deutschlands Westen zurückgekehrt und von KPD-Chef Max Reimann beauftragt worden, den dortigen Aufbau eines Geheimdienstes unter Beteiligung ehemali­ger Gestapo- und SD-Mitarbeiter aufzuklären. Nach seiner Enttarnung kam er in die DDR, wo er wegen seiner Westemigration und nicht parteikonformer Ansichten über die 1956er Ereignisse in Ungarn und Polen als »schwankendes Element« unter Beobachtung stand und doch geschützt blieb, so dass er seine erfolgreiche journalistische Tätigkeit beim DDR-Nachrichtendienst ADN und im »Neuen Deutschland« fortsetzen konnte. Wer Gerhard Leo kannte, mag gegen die Vermutung seines Unbehagens einwenden, sein engagiertes Gesell­schaftsverständnis samt intelligenter Skepsis gegenüber dogmatischen Erscheinungen im Land seiner Hoffnungen hätte ihm genügend Raum für die Überzeugung gelassen, dass auch jemand mit widersprüchlichen biografischen Voraussetzungen, ein Mitläufer oder gar mehr, seinen Weg in ein aufrechtes Engagement für die neue Zeit finden konnte.

Diesen Weg ist Erwin Strittmatter überzeugt gegangen. Dass er über seine Kriegsjahre – aus Angst, aus Scham, wer weiß es denn? – mit mangelhafter Souveränität Auskunft gege­ben hat, ist als moralischer Fehler nicht tilgbar. Mir scheint aber, dem gegenüber steht mit größerem Gewicht, dass er in seiner Literatur der Verantwortung gerecht geworden ist, die ihm jene Zeitzeugenschaft abverlangte. Mit Empathie, die manche Trübungen kannte, hat er die antifaschistischen, demokratischen, sozialistischen Umwälzungen im Osten Deutschlands samt deren geschichtlichen Vorlauf in menschlichen Entwicklungen gesehen und mit vielschattigem Humor beschrieben. Was man darin über Erfolg und Fehl beim Begreifen und Ausfechten avancierter gesellschaftlicher Chancen liest, ist erhellende, spannend gebliebene Lektüre.

Die Leseerinnerungen sind noch intakt: Wie im Romanerstling »Ochsenkutscher« an der Welt des in armen Verhältnissen heranwachsenden Dorfjungen Lope die Ungerechtigkeit gutsherrlicher Ausbeutung erlebbar wird. Wie Strittmatter den 12-jährigen »Tinko« von den komplizierten Wandlungsprozessen in seinem Dorf zur Bodenreform erzählen lässt und durch das Prisma kindlich-naiver Logik die Ursachen harscher, auch familiär ausgetragener Konflikte beim Anbeginn neuer Zeit auf dem Lande plausibel werden. Wie »Ole Bienkopp« mit Tatendrang die Idee seines kommunistischen Freundes Anton Dürr von der »Neuen Bauerngemeinschaft« in einer Intrigenlandschaft voller Reaktionäre der alten und Bürokra­ten der neuen Ordnung verteidigt, dann aber an offenen gesellschaftlichen Widersprüchen zu Grunde geht. Oder wie sich im »Wundertäter«, dem in Episoden erzählten dreiteiligen Entwicklungsroman, der Glasmachersohn Stanislaus Büdner mit üppiger Phantasie, gutmü­tiger Naivität, auch einem gerüttelt Maß an Sturheit, dabei einem fulminanten Beobach­tungs- und Erzähltalent auf wundersame Weise seinen Weg durch die Lebenszeit bahnt. Wie er nach künstlerischer Selbstverwirklichung strebt, sich an Realitäten seiner Welt reibt und dabei den Dialog mit seinem literarischen Gewissen, dem »Meisterfaun«, sucht …

Den Sozialismus am Herzen oder am Hacken?

Mit der Konfliktgestaltung in seinen Manuskripten machte Strittmatter es sich selbst und den »Erstlesern« in Partei und Kulturministerium nicht leicht. Soviel Ärger mit Ole Bien­kopp, dem Phantasten, der an den Verhältnissen seiner Umgebung scheitert. Und auch der Wundertäter 3 war, wie es Hermann Kant formulierte, »mehr als nur umkämpft«. Auch ich hatte mich auf der FDJ-Kulturkonferenz 1982 mit einem Halbsatz eingemischt. Den Stanis­laus Büdner hatte ich stets als Teil einer neu denkenden Nachkriegsgeneration gesehen, die das Wesen des Faschismus durchschauen lernte und den neuen Gesellschaftsentwurf im Osten Deutschlands verwirklichen wollte. Dabei meinte ich jenen Büdner – und das war der Halbsatz – »dessen Ungebrochenheit in diesem Part seiner Entwicklung noch des Autors Wille« war. Ich begriff die Kehre in Büdners Leben nicht, die vermeintlich befreiende Lösung des sich zum Schriftsteller mausernden Helden von seiner bespöttelten politischen Partei in die Allgemein-Partei des Lebens. Ohne jeglichen Fingerzeig »von oben« hatte ich meine Enttäuschung vorgetragen. Und doch wurde das nicht nur vom Autor als auftrags­gemäßer Warnruf zu mehr ideologischer Klarheit empfunden. Allerdings konnte ich auf dem nachfolgenden Schriftstellerkongress im Gespräch mit Erwin Strittmatter nicht nur die Abwesenheit eines Parteiauftrages, sondern auch mein Erschrecken über die Wirkung von 11 Wörtern beteuern, die sein Gesamtwerk außer Acht ließen und suggerieren konnten, wie sein Held Stanislaus hätte nun auch der Autor den Sozialismus nicht mehr am Herzen, sondern am Hacken. Ich bedaure dies bis heute, wo doch einige Kritiker genau das als Abschiedsstimmung des Dichters beschreiben. Natürlich nicht ohne Strittmatters Verstrickungen zur Kriegszeit noch eine Schelte wegen seiner »DDR-Gläubigkeit« als Genosse, Verbandsfunktionär oder Kommentator politischer Ereignisse, die andere zu Opposition reizten, anzufügen.

Das alles wird zum Glück am Standort des Betrachters gewogen. Ich denke, das Beste, das wir von Strittmatter haben, ist sein Werk: die Besichtigung des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive einfacher Menschen, niedergeschrieben inmitten einer zur Verbesserung auf­geforderten DDR. Und lesbar wie ein ideeller Vorrat für linke Zukunftspläne. 

 ★


Aus Anlass des 100. Geburtstages von Erwin Strittmatter hatten sein Sohn Erwin Berner (unter der Überschrift »Sein Werk wird alle Kritiker überleben«) und sein Künstlerkollege Armin Stolper (»Ich seh ihn so«) im Augustheft 2012 der Mitteilungen ihre Ansichten über den 1994 verstorbenen Schriftsteller veröffentlicht.

(Siehe https://kpf.die-linke.de/mitteilungen, dort nach Jahr und Monat filtern).

 

Mehr von Hartmut König in den »Mitteilungen«: 

2022-06: Auf dem Poetenweg durch die Zeit

2021-11: »Keine Atomraketen in Europa!«

2021-08: Linkssein mit Fidel

Zurück zur Übersicht