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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Bye-Bye Wheelus?

Horst Schäfer, Berlin

 

Das war eine sensationelle Nachricht aus Libyen: Oberst Muammar al-Gaddafi hatte im September 1969 in einem von ihm geführten Putsch den mit den USA sympathisierenden König Idris I. zum Abdanken gezwungen. Und eine seiner ersten Forderungen an die USA lautete: Räumung des Militärstützpunktes Wheelus im Norden von Tripolis bis zum 30. Juni 1970. Angesichts der gegenwärtigen Ereignisse in Libyen – man denke nur an die Bilder von den "Revolutionären" im Osten Libyens mit den Fahnen des alten Königshauses oder von den US-Kriegsschiffen vor der libyschen Küste – kann eine Erinnerung an die Zeit vor mehr als vier Jahrzehnten das Verständnis fördern.

Der Stützpunkt wurde schon 1923 von den Italienern eingerichtet und im 2. Weltkrieg von der faschistischen Luftwaffe benutzt. Später war hier unter anderem das Strategische Luftwaffenkommando der USA (SAC) stationiert. Mit seinen Atombombern wurde Wheelus, so liest man bei Wikipedia, "zur Basis für geplante Angriffe gegen die Sowjetunion". 4.600 US-Militärs seien hier in "einem Klein-Amerika an den schäumenden Küsten des Mittelmeers" stationiert", schrieb voller Begeisterung der damalige US-Botschafter in Libyen. Gaddafi hingegen sah in dem Militärstützpunkt nahe der Hauptstadt ein Symbol des Kolonialismus der USA und europäischer Staaten. Heute ist dort der Internationale Flughafen von Tripolis.

Doch in "Klein Amerika" gab es auch Dinge, die noch geheimer waren als die stationierten Bomber mit ihren Atomwaffen. Denn in Libyen unterhielten die USA mehrere Jahrzehnte eines ihrer größten ausländischen Waffenlager, um überall in Nordafrika und dem Nahen Osten Aufstände im Interesse Washingtons zu organisieren und zu unterstützen. Die Waffen wurden dann mit US-Flugzeugen zu den "Aufständischen" gebracht. So beschreibt es ein mehrseitiges Memorandum des US-Außenministeriums an den Nationalen Sicherheitsrat (NSC) vom 20. März 1953, das vom stellvertretenden Außenminister und ehemaligen CIA-Direktor Walter Bedell Smith unterzeichnet ist. Es ging dabei um den wenige Monate später verwirklichten Plan der Eisenhower-Regierung, Irans Premierminister Mohammed Mossadegh, der die Erdölindustrie nationalisiert hatte, zu stürzen und dazu als Hilfstruppe und als Tarnung für die eigentlichen Putschisten auch einen bestimmten Stamm im Süden Irans zu rekrutieren.

Unter dem Punkt "Spezielle Politische Operationen" heißt es im Papier des Außenministeriums zur Bildung und Unterstützung der USA für Guerilla-Armeen: "Gegenwärtig unterhält die CIA ein Lager mit leichten Waffen, Munition und Sprengstoffen unter dem Schutz der US-Luftstreitkräfte auf der Basis Wheelus, Tripolis. Die Größe des Waffenlagers ist dazu geeignet, eine Guerilla-Armee von 10.000 Mann für sechs Monate ohne zusätzliche Lieferungen zu versorgen. Darüber hinaus gibt es ausreichend Material für die Grundausrüstung einer Guerilla-Streitmacht von 4.000 Mann (Orte der Lager sind New Jersey, Ismailia in der Suez-Kanal-Zone und Tripolis) ... Diese Dinge könnten innerhalb von drei bis vier Wochen auf dem Luftweg zu bestimmten einflußreichen Stammes-Elementen im Süden Irans gebracht werden." Zehn Informanten aus dem Stamm seien von der CIA bereits rekrutiert und mit Funktechnik ausgerüstet worden, meldete Bedell Smith.

Wer auf die Idee kommen sollte, diese Vorgehensweise der USA von 1953 gegen Iran mit aktuellen Ereignissen in Libyen zu vergleichen, geht sicher nicht ganz fehl. Nur: Die Dokumente, die das beweisen könnten, werden vielleicht erst in Jahrzehnten zu sehen sein – es sei denn, Wikileaks liefert sie eher.

Erinnert sei hier auch an die zahlreichen Terrorakte, die das Mißtrauen gegen die USA und ihre europäischen Verbündeten wachgehalten haben. Dazu gehörten der von Präsident Reagan befohlene Bombenangriff 1986 auf Tripolis, bei dem Gaddafis Adoptivtochter und 35 weitere Zivilisten getötet wurden, die Versenkung zweier Kriegsschiffe durch die USA im selben Jahr sowie der immer noch nicht ganz aufgeklärte Abschuß einer italienischen Maschine vermutlich durch NATO-Kampfflugzeuge 1980 nahe Sizilien mit 81 Toten. Die NATO-Piloten hatten offenbar das italienische Passagierflugzeug mit der Maschine Gaddafis verwechselt, die zur selben Zeit zwischen Tripolis und Warschau unterwegs war.

Dazu kommt: In den letzten Tagen gab es mehrere Berichte über militärische Aktivitäten von Exilgruppen wie der "Nationalen Vereinigung zur Rettung Libyens" (NFSL), von der das kanadische "Centre for Research and Globalisation" (CRG) in Montreal berichtet, die Organisation werde von der CIA finanziert. Die NFSL unterhalte eine Militäreinheit, die sich "Libysche Nationalarmee" nenne und von Ägypten aus an der Ostgrenze Libyens operiere.

Nachdem Gaddafi 1970 die USA aus Libyen vertrieben hatte, legten die Dokumentaristen Walter Heynowski und Gerhard Scheumann mit ihrem Kameramann Peter Hellmich einen sehenswerten Film und ein Buch über den Sieg der Libyer gegen die imperialistische Supermacht vor, die beide den Titel trugen "Bye-Bye Wheelus". Die Frage ist jetzt, ob es bei diesem bye-bye bleibt oder ob Libyen erneut zu einem unsinkbaren Flugzeugträger der USA werden könnte.

Aus: Ossietzky, Zweiwochenschrift, Nr. 6/2011. Der Ossietzky kann bestellt werden über: Interdruck Berger + Herrmann GmbH, Ossietzky-Abo-Service, Weidendamm 30B, D-30167 Hannover Tel.: 0511/1 23 47 77 Fax: 0511 / 2 15 51 26.

 

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