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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Auf den Spuren von Angela Davis

Walter Kaufmann

… wäre mir sein Hinweis nicht so nachhaltig gewesen, nichts hätte mich schon im Morgengrauen von San Francisco über den Highway nach San José preschen lassen. Wo gab es das, fragte ich mich nichtsdestotrotz, dass ein Richter sich zu einer Verhandlung an einem Sonntagmorgen entschloss? Horst Schäfer aber, damals Auslandskorrespondent der DDR-Nachrichtenagentur, hatte ein waches Ohr für Zufallsbemerkungen und ein Gespür für Eventualitäten. Im Gerichtgebäude wollte er gehört haben, wie zwei Beamte sich zuraunten, die Geschworenen im Angela-Davis-Prozess hätten um eine Sondersitzung gebeten, um nicht das ganze Wochenende in Klausur bleiben zu müssen – statt erst am Montag baten sie schon am Sonntag ihre Entscheidung kundtun zu dürfen. Und das, so zeigte es sich, hatte ihnen der Richter zugesagt – was kaum ein Journalist, kaum einer der nach San José gereisten Prozessbeobachter wusste. Nur Horst Schäfer war im Bilde und – hatte es mir nicht verschwiegen. Anders hätte ich an diesem 4. Juni 1972 die letzten Stunden des monatelangen Prozesses versäumt, den Freispruch der Angeklagten nicht erlebt und das Schlusskapitel meines Buches Unterwegs zu Angela Davis so nicht schreiben können … Kollegialität, Solidarität – rare Eigenschaften unter Reportern. Und nicht nur dafür war ich Horst Schäfer verbunden, ich durfte auch seiner Frau, der Itte, dankbar sein, nicht bloß wegen ihrer Gastfreundschaft in den Tagen, die ich nach Angela Davis’ Freispruch in Manhattan verbrachte, sondern auch wegen des alten Anoraks, den zu tragen sie mir auftrug: »Kein zweites Mal«, hatte sie mich gewarnt, »wirst du zu so später Stunde mit deinem Wildledermantel durch Manhattan streifen. Ein Wunder, dass du bis heute heil geblieben bist. Also, du weißt, was zu tun ist – nie anders als in diesem Anorak, wenn du nicht ausgeraubt werden willst …« [...]

20.

Durch die Pendeltüren blickte ich in den Gerichtssaal zurück – noch wenige Minuten zuvor war der Raum durch Angela Davis’ Gegenwart ins Ungewöhnliche gehoben worden. Jetzt, verlassen vom Richter und von den Geschworenen, vom Gerichtsdiener, von den Sheriffs, den Reportern, den Freuden Angelas, sah der Saal wie jeder andere Gerichtssaal aus: Ein kahler Raum, durch eine Holzbarriere geteilt, Bänke auf der einen Seite und ein Podest auf der anderen, und nichts, gar nichts deutete darauf hin, dass hier, in diesem Raum, in den wenig Sonne drang, ein Kampf um eine junge Kommunistin durchgefochten worden war, der viele Monate die Welt in Atem gehalten hatte.

[...]

Nach meiner Rückkehr aus Amerika hatte ich Lissy meine Reisen auf den Spuren von Angela Davis geschildert – von Birmingham in Alabama hatte ich erzählt, wo Angelas Eltern leben, von Brooklyn in New York, wo ich einen ihrer Highschool-Lehrer aufgesucht und viel über seine begabte, wissensdurstige Schülerin erfahren hatte, und von den Universitäten im kalifornischen Berkeley und Los Angeles, wo Angela Davis bis zu ihrer Verhaftung und Anklage wegen Mord an einem kalifornischen Richter Philosophie und Black History gelehrt hatte – jener Richter namens Haley war im Gerichtssaal von Marin County bei dem Befreiungsversuch eines schwarzen Angeklagten erschossen worden, und die Kugel, die ihn traf, kam aus der Mündung einer Waffe, die unter Angela Davis’ Namen registriert war – was eine Mordanklage gegen sie zur Folge hatte, zumal der Attentäter der Bruder ihres Geliebten, des Strafgefangenen George Jackson, war ….

All das hatte ich Lissy wissen lassen, hatte ihr auch von der Begegnung mit einer Schar junger Leute im Haus des Aktivisten Fred Hirsch in San José erzählt, die ausgezogen waren, um über alle Männer und Frauen, die für den Angela-Davis-Prozess als Geschworene in Frage kamen, also über mehrere Hundert Bürger der Stadt, Erkundigungen einzuholen. Sie hatten deren Haltung zu Schwarzen in Erfahrung gebracht, welche Zeitungen sie lasen, wie und mit welchen Ansichten sie ihren Nachbarn kamen: mühselige Kleinarbeit, deren Ergebnisse sie auf Karteikarten festgehalten und, alphabetisch nach den Namen geordnet, der Verteidigung zur Verfügung gestellt hatten. Dass solche Vorkenntnisse den Anwälten bei ihrer Wahl der Geschworenen von großem Nutzen gewesen waren, letztendlich sogar entscheidend für den Freispruch, musste ich Lissy nicht begreiflich machen – schließlich war wegen der Erkundungen der jungen Leute, die ein wesentlicher Teil der weltweiten Anstrengungen zur Rettung der Angela Davis waren, ein Gewerkschafter, der sich für die Rechte der Schwarzen verwendet hatte, unter die zwölf Geschworenen gelangt, auch eine Jüdin, die jegliche Rassendiskriminierung verabscheute, und ein Deutscher, der, ehe er nach Amerika ausgewandert war, das Elend der Schwarzen Südafrikas hautnah erlebt hatte. Was Lissy zu all dem zu sagen hatte, und was sie noch wissen wollte, half mir beim Planen von Unterwegs zu Angela – auch meine Begegnung mit dem Anwalt Jerry Paul in Durham, North Carolina würde ich in dem Buch schildern müssen, der mir Einblicke in die, wie er es nannte, Lynchjustiz gegeben hatte, und es durfte mein Vorstoß ins Jefferson-County-Gefängnis nicht fehlen, wo der schwarze Bürgerrechtler Ben Simmons unter unsäglichen Bedingungen eingekerkert, ja geradezu eingekellert worden war, mit Ratten und sonstigem Ungeziefer, und auf jeden Fall würde ich meine Nachforschungen über George Jackson einbringen müssen, über Angela Davis’ Geliebten, diesem kämpferischen jungen Schwarzen, der wegen eines geringfügigen Delikts in San Quentin eingesessen hatte und – so wurde von der Anstaltsleitung behauptet – bei einem Fluchtversuch am 21. August 1971 erschossen worden war …

Walter Kaufmann. Im Fluss der Zeit: Auf drei Kontinenten (German Edition). © 2015 Dittrich Verlag in der Velbrück GmbH Bücher & Medien, Weilerswist-Metternich, 296 Seiten, ISBN 9783943941586, 17,80 Euro. Aus den Kapiteln 19. und 20., Kindle-Version. – Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung zum Nachdruck.

Der Schriftsteller Walter Kaufmann ist am 15. April 2021 im Alter von 97 Jahren verstorben. Anfang des Jahres hatte er mitgeteilt, er sähe gern einen Auszug aus seiner Autobiographie in den »Mitteilungen«.

Horst Schäfer war Mitglied der KPF und langjähriger Autor der Mitteilungen. Er starb am 8. März 2020 in Berlin.

 

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