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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

8. September 1941: Beginn der Leningrader Blockade

Zitate aus Alexander Tschakowski: »Die Blockade«

Von 1968 bis 1975 erschien in der Sowjetunion Alexander Tschakowskis mehrteiliger Roman »Die Blockade«. Auf knapp 2.000 Seiten beschreibt der Schriftsteller den Kampf um Leningrad, der 871 Tage anhält – von der Schließung des Rings deutsch-faschistischer Truppen um die Stadt am 8. September 1941 bis zur Sprengung der Blockade durch die Rote Armee am 27. Januar 1944. Leningrad besiegte die Faschisten. Mehr als eine Million Leningrader erlebten diesen Sieg nicht mehr. 80 Jahre sind seit dem Beginn der Blockade vergangen. Deutsche Panzer stehen wieder im Baltikum. Gerade auch deshalb erinnern wir mit den nachfolgen Auszügen aus Tschakowskis Roman an das Schicksal Leningrads und das verdiente Schicksal der Aggressoren. Ellen Brombacher

Hitler brauchte das Korn der Ukraine und die Kohle des Donbass. Er dachte daran, dass ihm gerade in Hinsicht auf diese Bodenschätze beim Aufbau der Wehrmacht mit unbeschränktem Kredit geholfen worden war von jenen Männern, ohne deren finanzielle Zuwendungen dieser Krieg und die nationalsozialistische Machtübernahme selbst undenkbar gewesen wären. Nicht nur er wollte die Ukraine in Besitz nehmen, von ihr träumten Krupp, Thyssen, Vögler – jene Industriellen und Bankiers, mit denen er vor zwei Jahrzehnten einen geheimen Pakt geschlossen hatte. Doch um sich in der Ukraine festzusetzen, um an die Kohle des Donbass und später an das Kaukasus-Öl zu gelangen, musste der Süden von den Zentralgebieten Russlands abgeschnitten werden. Diese Aufgabe sollte Rundstedt durch einen raschen Vormarsch nach Süden lösen. Um Moskau lahmzulegen, musste man nicht nur die südlichen, sondern auch die nördlichen Verbindungslinien durchschneiden. Deshalb legte Hitler solches Gewicht auf eine rasche Inbesitznahme Leningrads. [Bd. 1, S. 582]

Rund eine Million Leningrader bauten von Juli bis Anfang August unter Dauerbeschuss vom Boden und aus der Luft in Tag- und Nachteinsatz neue und immer neue Befestigungen südlich ihrer Stadt. Diese Verteidigungsstreifen führten durch Wälder und Sumpfgebiete. Bunker, Feuernester, Panzergräben, stählerne Höcker versperrten dem Feind nicht nur die entfernteren, sondern auch die nahen Zugänge Leningrads. [Bd. 1, S. 648]

Hitler schlief noch. Der Kamillentee, den er in der Regel nach dem Aufwachen trank, stand unberührt auf dem Nachttisch. Bormann trat ans Brett und beugte sich zu Hitler hinab. »Mein Führer!«, flüsterte er, »Leningrad ist eingeschlossen.« [Bd. 2, S. 54]

Ob er den Tag noch erlebte, wenn die Truppen nach dem Sieg über die faschistischen Heere in die Stadt einmarschierten? Nein, dazu war er zu alt, der Sieg noch zu fern, der Feind stand ja vor Leningrad. Walizki konnte sich schlecht vorstellen, wo der Feind im Augenblick stand, wusste aber, dass es nahe der Stadt war. Und trotzdem war er überzeugt, dass der Feind geschlagen, zerschlagen, vernichtet werden würde. [Bd. 2, S. 129]

»Sergej Afanassjewitsch, denken Sie eigentlich manchmal an die geschichtliche Tatsache, dass Russland sich letztlich noch keiner Intervention gebeugt hat? Nicht der tatarischen, der mongolischen, der deutschen, der schwedischen, der französischen oder der im Jahre achtzehn! Nein, nein, entschuldigen Sie, ich will nur meinen Gedanken zu Ende bringen!«, rief er heftig, als er das Gefühl hatte, Wasnezow wollte ihn unterbrechen. »Sie dürfen nicht glauben, ich wäre ein alter Mann und politischer Blindgänger! Ich weiß wohl: Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Nicht die Nationen, sondern die Klassen trennen die Menschen! Das alles kenne ich, weiß ich, obwohl ich mich nicht scheue zu sagen, ich für meinen Teil kenne nur ordentliche Menschen und Lumpen. Das aber steht auf einem anderen Blatt. Sehen Sie, wo die Deutschen jetzt vor Putilow stehen, möchte ich Sie daran erinnern, dass Russland sich nie einem Feind gebeugt hat! Und nie beugen wird! Nie!‹, rief er und fuchtelte mit dem Finger in der Luft. ›Das wäre ein geschichtlicher Nonsens: einfach undenkbar.« [Bd. 2, S. 141]

»… Wir erleben ja auch nicht nur den Krieg zweier Staaten, sondern zweier Systeme, zweier Lebensformen, zweier Ideologien!« Eine leichte Röte bedeckte Wasnezows gehöhlte, glatt rasierte Wangen. Dann verzog sich der Mund zu einem ironischen Lächeln. »Es ist nicht die Zeit, dass wir wegen der ordentlichen Leute und der Lumpen polemisieren. Ich möchte Sie bloß eins fragen: Die Deutschen, die uns das Messer an die Kehle setzen, was sind das für Leute? Nein, antworten Sie, antworten Sie!«, rief er, als er sah, wie Walizki abwehrend die Schultern zuckte. »Folgt man ihrer doch recht hausbackenen Etikettierung, so muss es auch unter ihnen die einen wie die andern geben, oder? Nein, mein lieber Fjodor Wassiljewitsch, die da unser Land verwüsten, sind bloß eins: Faschisten. Mögen sie dem Faschismus subjektiv mehr oder weniger anhängen, doch ihr Verhalten wird vom Faschismus, seinen Zielen und Zwecken geprägt. Hier, innerhalb Ihrer vier Wände, dürften Sie durchaus mit Ihren Begriffen ordentlicher Mensch und Lump auskommen. Doch sowie es in den Klassenkampf hineingeht, ist die Zugehörigkeit zu diesem oder jenem Lager alleiniger Maßstab. Für die Idee, die Sie und ich als gerecht ansehen, und die Fahne, die dieser Mann in der Hand hält«, er deutete mit dem Kinn gegen Walizkis Skizze, »lohnt es zu kämpfen und das Leben einzusetzen. Jawohl!« Seine tiefliegenden Augen wurden ganz schmal und er fügte hinzu: »Jetzt kann ich Ihre Frage beantworten. Sie haben gefragt, ob ich zuversichtlich wäre. Jawohl, Fjodor Wassiljewitsch, ich bin zuversichtlich. Und in meiner Zuversicht unerschütterlich!« [Bd. 2, S. 143]

In dem Unterstand saß am Tisch ein Oberst, einer der Operateure, und brüllte in den Fernsprecher: »Die Verbindung ist hergestellt! Wo? Bei Rabotschi Posselok eins? Bombastisch!« … Der Oberst warf den Hörer auf und rief freudig aus: »Na endlich! Sie haben sich die Hände gereicht!« »Genosse Oberst«, Swjaginzew gehorchte kaum die Zunge, »ich … habe ich richtig verstanden? Der Durchbruch ist gelungen?« »Das soll wohl sein, wenn sie sich die Hände gereicht haben! Schwer von Begriff, was?« Sich selbst noch nicht trauend, sann Swjaginzew dem Gehörten nach, der Verstand erfasste aber nur ein Wort. Das war so gewaltig, umfassend wie das Leben, so helltönend wie Glockengeläut, so froh wie der blaue Himmel, wie die Sonne – durchgebrochen! … Im Eingang tauchte ein Rotarmist mit MPi auf. »Der Gefangene ist da, Genosse Oberst!«, meldete er. »Wo soll er hin?« »Herein mit ihm«, wies der Oberst an … »Setzen Sie sich«, wandte sich Tulikow auf deutsch dem Gefangenen zu. Der tat, wie ihm geheißen. »Name, Dienstgrad, Dienststellung?«, fragte Tulikow und diktierte nach Anhörung der Antwort: »Arnim Danwitz, Oberst, Regimentskommandeur.« Danwitz sah blass aus. Über die rechte Wange zog sich feuerrot eine lange Schramme. Die Augen blickten weniger ängstlich als abwesend. Er fürchtete nicht den Tod, er dachte jetzt daran, dass sie betrogen worden waren. Alle hatten sie betrogen: von Leeb, von Manstein, Küchler, Lindemann und nicht zuletzt der Führer selbst. Dass der Führer nicht nur ihn, sondern die Wehrmacht, ganz Deutschland betrogen hatte. Selbst jetzt, bei der Vernehmung durch die Russen, entsetzte er sich vor seinen Gedanken, allerdings nur kurz. Er fühlte Hass in sich auflodern gegen Hitler. Er konnte sich nicht für sein unrühmliches Ende am Führer rächen, umso stärker hasste er ihn. Hasste auch die Russen, die ihn gefangengenommen hatten, das Land, in dem er sich befand. Hass, Hass auf alles schlug in ihm hoch. Eines nur wollte er: schnell sterben. »Welche Aufgabe hatte Ihr Regiment?«, setzte Tulikow die Vernehmung fort. »Von Sinjawino aus in die Flanke des Gegners stoßen mit dem Ziel, zur Newa durchzubrechen.« »Steht Ihr Regiment schon lange bei Leningrad?« »Seit September einundvierzig.« »Worauf haben Sie eigentlich gehofft die ganze Zeit?« »Wir rechneten darauf, die Russen würden die Einschließung nicht durchhalten und die weiße Flagge hissen.« »Wenn solche Flagge hochgegangen wäre, wäre sie sofort von Hunderttausenden von Händen bestimmt wieder niedergeholt worden!« [Bd. 3, S. 714-716]

Alle Zitate aus: Alexander Tschakowski: »Die Blockade«, I. - III. Band, Volk & Welt, Berlin, 1974, 1975, 1977.

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