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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

5. Dezember 1941 bis 7. Januar 1942: Sowjetische Gegenoffensive in der Schlacht um Moskau

Prof. Dr. Moritz Mebel (* 23. Februar 1923 in Erfurt, † 21. April 2021 in Berlin)

Gedenktage haben wenig Sinn, wenn sie nicht in die Gegenwart und Zukunft hineinwirken. Dazu gehört unbedingt die fundierte Kenntnis der Vergangenheit. Das Gegenteil erleben wir derzeit, wenn es um die historische Rolle der Sowjetunion bei der Zerschlagung des Hitlerfaschismus und der Befreiung der Völker Europas vom Faschismus geht. Kern der Geschichtsrevision ist der Antikommunismus in Gestalt des Antisowjetismus. Am liebsten würde man die Sowjetunion und deren Verdienste bei der Zerschlagung des Faschismus aus dem Gedächtnis der Menschheit tilgen. Doch solange das nicht möglich ist, sollen die Leistungen der Sowjetunion im Großen Vaterländischen Krieg wenigstens weitestgehend diskriminiert werden. Gestattet mir, einem Zeitzeugen, einige Erlebnisse im Großen Vaterländischen Krieg des Sowjetvolkes zu erzählen.

Am Sonntag, den 22. Juni 1941, saß ich in der Bibliothek und bereitete mich auf die Semesterprüfungen am 1. Moskauer Medizinischen Institut vor. Um 11 Uhr teilte der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare W. Molotow im Radio mit, dass gegen 4 Uhr morgens Einheiten der deutschen Wehrmacht vertragsbrüchig die Grenzen der Sowjetunion in breiter Front überschritten haben, die Städte Minsk, Tallin, Kiew und Sewastopol wurden aus der Luft bombardiert. Es war Krieg! Für uns unerwartet schnell stießen die Truppen der Wehrmacht auf breiter Front ins Landinnere vor. Ende Juli formierte man im Institut aus Studenten ein Arbeitsbataillon. Südwestlich von der Stadt Orel mussten wir Panzerabwehrgräben ausheben, nur mit Schaufeln und Hacken ausgerüstet. Die Gräben hatten 3,5 Meter tief und 7 Meter breit zu sein. Leider war diese äußerst schwere Arbeit umsonst, wie sich bald herausstellen sollte. Entweder rollten die feindlichen Panzer weiträumig an den Gräben vorbei, oder deutsche Pioniereinheiten überbrückten sie mit Stahlplatten, so dass die Panzer passieren konnten.

Ende September waren wir wieder in Moskau. Die Stimmung war gedrückt. Betriebe und Verwaltungen wurden in den Osten und Süden des Landes evakuiert. Der Studienbetrieb war seit Wochen eingestellt. Gerüchte und Unsicherheit bestimmten das Klima in der Stadt. Noch heute kann ich mich an den 14. Oktober 1941 erinnern. Es war am frühen Morgen. Im Kommuniqué der Nachrichtenagentur Sowinformbüro hieß es, dass sich die Lage an der Westfront weiter verschlechtert hat. Trotz heldenhaften Widerstandes der Truppen der Roten Armee sei es den deutsch-faschistischen Verbänden gelungen, die Verteidigung bei Moshajsk (etwa 120 km westlich von Moskau) zu durchbrechen und ihren Angriff in Richtung Moskau weiter vorzutragen. Der Hauptstadt der Sowjetunion drohe eine tödliche Gefahr. Auf Beschluss des Moskauer Parteiaktivs wurden in allen Stadtbezirken Kommunistische Arbeiterbataillone aus Freiwilligen, unabhängig ob Kommunist, Komsomolze oder parteilos, zur Verteidigung Moskaus aufgestellt.

Am nächsten Morgen meldete ich mich im Sammelpunkt. Eine notdürftige militärische Ausbildung begann. Nach einer Woche ging es im Eilmarsch in Richtung Wolokolamsker Chaussee, am Binnenhafen Chimki vorbei. Hier waren bereits Barrikaden errichtet worden. Etwa 30 km vor Moskau bezogen wir Stellung. Es war bitterkalt und wir hatten keine Winterkleidung. Unsere Bewaffnung: Vorderlader aus dem 19. Jahrhundert. Die 3. Moskauer Kommunistische Infanteriedivision, in der die Arbeiterbataillone zusammengefasst worden waren, erhielt den Kampfauftrag, die unmittelbar nach Moskau führenden Straßen zu sichern. Vor uns waren reguläre Einheiten der Roten Armee, der Panfilow-Division, in schwere verlustreiche Kämpfe mit der faschistischen Wehrmacht verwickelt. Jedoch gelang es ihr nicht, unsere Verteidigungslinie zu durchbrechen.

Gemeinsam mit anderen Einheiten der Roten Armee gingen wir zum Angriff über und schlugen die deutsch-faschistischen Truppen etwa 100 km zurück. Die von uns befreiten Gebiete boten einen schrecklichen Anblick. In Istra am See, wo ich vor einigen Jahren mit meinen Freunden wanderte und zeltete: niedergebrannte Häuser, umgebrachte kleine Kinder im Ziehbrunnen ...

Unglaublich, unvorstellbar. Jetzt sahen wir die Gräueltaten der Hitlerwehrmacht mit eigenen Augen. Im Februar 1942 wurde unsere Infanteriedivision an der Nord-West-Front eingesetzt. Zu dieser Zeit hatten wir bereits richtige Gewehre, Wattejacken, Wattehosen, warme Unterwäsche sowie Filzstiefel. Es war bitterkalt, – 42°C, vor eisiger Kälte und Wind konnte man kaum atmen. Wir erhielten den Befehl, das Dorf Pawlowo wieder einzunehmen. Es war zuvor von einer anderen Einheit gestürmt worden, musste aber unter großen Verlusten wieder aufgegeben werden. Vor uns tiefer Schnee, kein Hügel, der Deckung bot. Mit »Hurra« stampften wir im Schnee vorwärts, einige blieben liegen, tot oder verwundet. Plötzlich wurde es still, kein Schuss fiel mehr. Wir hatten das Dorf, die brennenden Trümmer, eingenommen. Der Feind war geflohen. In einer bunkerartigen Erdhütte fanden wir die Leiche des Regimentskommissars. Sein Regiment hatte vor uns das Dorf eingenommen. Er war schwer verwundet worden und hatte sich zurückgezogen. Er lehnte an der Wand, seine beiden Unterarme waren verkohlt. Vor ihrem Rückzug hatten ihn die Nazisoldaten angebrannt.

Leichen von Rotarmisten lagen auf dem hartgefrorenen Boden, wir trugen sie zusammen. Es war eisig kalt, und wie ein Magnet zogen uns die wärmenden brennenden Häusertrümmer an. Jedoch, hier lauerte eine neue Gefahr. Bald schlugen deutsche Granaten in unserer Nähe ein. Schleunigst bezogen wir Verteidigungsstellungen am Dorfrand. Die Nacht verlief relativ ruhig. Trotz größter Anstrengungen fielen einem die Augen zu. Unsere Kommandeure rüttelten uns immer wieder wach, zu leicht konnte man erfrieren. Am nächsten Morgen stießen wir auf das Dorf Butirkino vor und nahmen es ohne Verluste ein. Der Gegner war offensichtlich überrascht worden und konnte sich über tiefe Verbindungsgräben zurückziehen. Im Stillen hoffte jeder von uns, dass es so weitergehen möge. Jedoch war das ein großer Irrtum.

Nach blutigen Kämpfen an der Nordwestfront wurde Ende März 1943 die 53. Armee, wo ich inzwischen als Politoffizier in der »Abteilung für die Arbeit unter den feindlichen Soldaten und der Bevölkerung« gelandet war, abgezogen und östlich vom Kursker Bogen, im relativ ruhigen Hinterland stationiert. Es trafen neue Verbände der Roten Armee ein: Alle Einheiten erhielten moderne Kampftechnik. Die Stimmung war gut. Der Sieg bei Stalingrad hatte das militärische Können der Roten Armee für Freund und Feind eindrucksvoll demonstriert. Jedoch stand die faschistische Wehrmacht noch tief im Sowjetland, und die 2. Front in Westeuropa ließ immer noch auf sich warten.

Auszug aus dem Referat von Moritz Mebel auf der KPF-Bundeskonferenz am 27. März 2010  

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