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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

12. April 1961: Juri Gagarin umrundet als Erster die Erde!

Oberst a.D. Bernd Biedermann, Berlin

 

Wortlaut einer Pressemitteilung vom 12. April 1961: »Das erste Raumschiff der Welt, ›Wostok‹, ist heute von der Sowjetunion aus mit einem Menschen an Bord in einen Orbit über der Erde gestartet worden. Kosmonaut-Pilot des Raumschiffes ist ein Bürger der UdSSR, Fliegermajor Juri Gagarin.«

Nur selten hat eine Nachricht die Menschen weltweit so fasziniert wie diese. Sie wurde überall mit Überraschung und Anerkennung aufgenommen.

Wer war dieser Juri Gagarin? Er wurde am 9. März 1934 als Sohn einer russischen Bauernfamilie in einem Dorf im Gebiet von Smolensk geboren, wo er auch mit kriegsbedingten Unterbrechungen die Schule besuchte. Nach einem Umzug der Familie in die Stadt Gschatsk (heute Gagarin) absolvierte er dort die Mittelschule. 1949 verzog Juri nach Ljuberzy, einem Vorort von Moskau und machte dort eine 2-jährige Ausbildung als Metallgießer. Anschließend studierte er am Industrie-Technikum Saratow und erhielt das Diplom als Gießereitechniker. Während seines Studiums wurde er Mitglied des Aeroclubs in Saratow und bestand 1955 seine erste Flugprüfung. Im gleichen Jahr trat er in die Luftstreitkräfte ein, absolvierte die Fliegerschule von Orenburg und wurde am 7. November 1957 zum Leutnant ernannt. Anschließend diente er bei einem Jagdfliegerregiment der Seefliegerkräfte der Nordflotte, das bei Murmansk stationiert war. Dort wurde er auch Mitglied der KPdSU. Nachdem er 1959 zum Oberleutnant befördert worden war, gehörte er zu dem kleinen Kreis von 20 ausgewählten Kandidaten, die sich auf einen Weltraumflug vorbereiteten. Dem Vernehmen nach soll der Chefkonstrukteur von Wostok 1 und Vater der sowjetischen Raumfahrt, Sergej Koroljow, maßgeblich dafür gestimmt haben, Juri Gagarin auszuwählen. Das markante Lächeln von Juri Gagarin flößte jedem Vertrauen ein, seine Fachkompetenz und Bescheidenheit, sein Mut und seine Hilfsbereitschaft beeindruckten alle. So wie er die Erde gesehen hat, hatte sie vorher noch nie ein Mensch gesehen. Begeistert teilte er dem Flugleitzentrum mit:

»Ich sehe die Erde! Sie ist so wunderschön!«

Ich erinnere mich auch heute noch sehr gut an diesen 12. April 1961. Als Offiziersschüler im 2. Lehrjahr an der Flak-Artillerie-Schule in Potsdam-Geltow saß ich in einem Hörsaal, als unverhofft unser Kompaniechef eintrat und mit bebender Stimme verkündete: »Unser sowjetischer Waffenbruder, Major Juri Gagarin, hat soeben als erster Mensch einen Flug ins All vollzogen und ist wieder auf der Erde gelandet.« Entgegen allen militärischen Gepflogenheiten applaudierten wir. Als angehende Offiziere der neu entstehenden Flugabwehr-Raketen-Truppen der NVA büffelten wir gerade die Grundlagen der Steuerungs- und Regeltechnik und die Gesetze der Aerodynamik. Wir hatten also erste Vorstellungen davon, was es bedeutete, Raketen zu entwickeln und beherrschbar einzusetzen.

Der Flug von Juri Gagarin war für uns eine äußerst wirksame und anhaltende Motivation für die weitere berufliche Laufbahn.

In Moskau wurde der erste Kosmonaut von der Führung des Landes und Hunderttausenden begeisterter Einwohner auf dem Roten Platz begrüßt. Er wurde mit dem Titel »Held der Sowjetunion« geehrt. In der Folgezeit besuchte Juri Gagarin über 50 Länder. Er frühstückte mit der englischen Queen, schüttelte Che Guevara und Gina Lollobrigida die Hand und blieb doch immer ein bescheidener Mensch. Seine Besuche waren auch deshalb etwas Besonderes, weil sie auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges stattfanden.

Die sowjetische Führung entschied, ihn entgegen seinem Wunsch nicht erneut an einem Flug ins All zu beteiligen. Zu groß war die Gefahr, dass dabei Unvorhergesehenes geschehen könnte. Das passierte aber am 27. März 1968 bei einem Übungsflug mit einer Schulmaschine MiG-15 UTI. Zusammen mit einem erfahrenen Fluglehrer absolvierte Juri diesen Flug, um seine Fluglizenz zu behalten. Bis heute sind die Umstände des Absturzes und des Todes beider Piloten nicht öffentlich bekannt. Es muss eine unglückliche Verkettung verhängnisvoller Umstände gewesen sein, die so tragisch endete. Die staatlichen Unterlagen dazu sind nach wie vor unter Verschluss.

Wenn wir uns heute an Juri Gagarin und seinen Flug ins All erinnern, dann sollten wir das immer vor dem Hintergrund der konkreten historischen Situation Anfang der 1960er Jahre tun. Die Welt erlebte damals die bisher intensivste und längste Periode der Militarisierung und der Konfrontation unterhalb der Schwelle eines offenen Konflikts. Nach dem II. Weltkrieg hatte sich im Rahmen der Systemauseinandersetzung ein bipolares Staatensystem entwickelt, geführt von je einer der beiden Supermächte und ergänzt durch die Gruppierung der nichtpaktgebundenen Staaten. Seinem Wesen nach war der Kalte Krieg ein Versuch, das bipolare Staatensystem zugunsten der einen oder der anderen Seite zu überwinden. Das war das eigentliche politische Ziel beider Führungsmächte. Der militärische Faktor war in diesem Spiel der Supermächte das Mittel erster Wahl. Das Wettrüsten verschlang Unsummen des Bruttosozialprodukts zum Nachteil der Völker und barg eine latente Kriegsgefahr in sich. 

Als Juri Gagarin seinen Flug ins All vollzog, hatten die führenden Kreise der USA den Schock noch nicht überwunden, den Sputnik 1 nicht einmal vier Jahre zuvor bei ihnen ausgelöst hatte. Sie erfuhren erneut einen Prestigeverlust ungeheuren Ausmaßes. Der Flug Gagarins hatte aller Welt gezeigt, dass die Sowjetunion nunmehr auf wissenschaftlich-technischem Gebiet mit den USA gleichgezogen hatte.

Seit dem Flug vom 12. April 1961 sind mehr als 500 Menschen aus über 30 Staaten ins All geflogen, aber Juri Gagarin war der Erste und wird es immer bleiben. 

 

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