Aus der Not keine Tugend machen!

Erklärung des Bundessprecherrates vom 19. November 2020

Am 28. November 2020 begehen wir Friedrich Engels' 200. Geburtstag. In seiner Schrift »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft« schreibt er über den Metaphysiker: »Er denkt in lauter unvermittelten Gegensätzen; seine Rede ist ja, ja, nein, nein; was darüber ist, das ist vom Übel.«

Unsere Denkweise ist das natürlich nicht. Und so akzeptieren wir, dass es Situationen geben kann, so die des gegenwärtigen Pandemiegeschehens, in der Telearbeit und Homeoffice zeitweise und partiell notwendig werden. Was wir nicht akzeptieren ist, eine solche Situation zu nutzen, um aus der Not eine Tugend zu machen. Wir haben durchaus den Eindruck, dass momentan – und dabei teils ohne Not – getestet wird, ob Parteiarbeit nicht im großen Stil technisiert werden kann.

Dazu sagen wir NEIN.

Kürzlich gab der ESA-Chef Jan Wörner dem nd ein Interview. Darin findet sich auch folgende Aussage: »Mit Telearbeit und Homeoffice können Sie viele Prozesse schnell und sicher abarbeiten. Aber manche Sachen gehen fast gar nicht, das ist insbesondere kreative Teamarbeit. Das merke ich als Generaldirektor. Unsere Arbeit ist, Strategien für das Unbekannte zu entwickeln. Und die Kreativität, die dafür nötig ist, entwickelt sich über die Distanz nur sehr schwer. Ich habe damit auch persönlich ein großes Problem.«

Lassen sich nun wissenschaftliche Arbeit und Parteiarbeit miteinander vergleichen? Wir meinen: Unbedingt. DIE LINKE macht in einer Zeit Politik, in der Analyse, Kreativität und menschlicher Zusammenhalt Voraussetzungen dafür sind, dass wir unserer Verantwortung als Sozialistinnen und Sozialisten gerecht werden können. Auch wir sind auf kreative Teamarbeit angewiesen. Schnelles und sicheres Abarbeiten gehört natürlich ebenfalls zur Bewältigung von politischen Prozessen. Aber Abarbeiten kann die Verständigung über die Lage in Rede und Gegenrede nicht ersetzen, ebenso wenig die Ideenfindung und die komplexe Willensbildung, wie mit einer bestimmten Lage umgegangen werden sollte, geschweige denn den persönlichen Kontakt, die spürbare Solidarität im gemeinsamen Kampf. Fehlte all dies, so würde die innerparteiliche Demokratie massiven Schaden nehmen.

Wir treten deshalb dafür ein, dass nicht eine Präsenzveranstaltung, die als solche durchgeführt werden darf und kann, durch eine Telekonferenz oder ähnliches ersetzt wird. Wir wollen nicht nur abarbeiten; wir wollen solidarisch miteinander arbeiten.

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