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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

»Wir haben einen Zaunkönig singen gehört«

Franz Josef Degenhardt (* 3. Dezember 1931 in Schwelm; † 14. November 2011 in Quickborn)

»Wir haben einen Zaunkönig singen gehört«, so schrieben Christiane Reymann und Wolfgang Gehrcke vor zehn Jahren in einem Nachruf. »Franz-Josef Degenhardt, Karatsch, schrieb und sang gegen den Mief der Bonner und gegen den Triumphalismus der Berliner Republik, gegen Spießertum, Anti-kommunismus, Rassismus. Der Preis, den er entrichtete, war hoch; die Öffentlich-Rechtlichen, die Kommerziellen ohnehin, die großen Massenmedien verurteilten ihn zum Verschweigen. In den Musik-Archiven des Norddeutschen Rundfunks befanden sich noch Karteikarten mit der Anweisung: Bevor ein Lied von FJD gespielt wird, sei Erlaubnis von oben einzuholen. Aber Karatsch war und ist nicht zu ver-schweigen. Er drückt das aus, was inzwischen nicht nur eine, sondern mehrere Generationen von Wi-derständigen sagen wollen, er stärkt ihnen den Rücken und öffnet ihnen neue Horizonte. Das gilt auch für uns. Kein Liedermacher, kein Schriftsteller hat unser Leben so intensiv begleitet wie Karatsch. Wir sind ihm unendlich dankbar und zürnen dem Kleingeist.« Aus Anlass des 90. Geburtstages und des 10. Todestages von Franz Josef Degenhardt drucken wir den Text seines Liedes »Gelobtes Land« vom 1965 erschienenen Album »Spiel nicht mit den Schmuddelkindern« ab.

Gelobtes Land

Da, wo ein Wolf die Pfote gibt
Und sorglos zwischen Lämmern lebt,
Möcht ich Hirt und Jäger sein.
Da, wo man jeden Krieg gewinnt
Und wo aus Disteln Rotwein rinnt,
Möcht ich Soldat und Bauer sein.
Wo man zum Fischfang lauthals Lieder singt
Und wo ein Sänger sogar fette Fische fängt,
Möcht ich Poet und Fischer sein,
Möcht ich Poet und Fischer sein,
Poet und Fischer sein.

Wo man zum Frühstück Lämmer brät
Und da, wo nie ein Wanst entsteht,
Möchte ich Vielfraß und Dressman sein.
Wo Frauen nach dem zehnten Kind
Noch feurig und verträglich sind,
Möcht ich Galan und Gatte sein.
Da, wo ein Kind nach Elternwunsch gerät
Und Eltern Dinge tun, die das Kind versteht,
Da möcht ich Sohn und Vater sein,
Da möcht ich Sohn und Vater sein,
Sohn und Vater sein.

Wo man mit Nonnen Rauschkraut kaut
Und statt Kerker Klöster baut,
Möcht ich Mönch und Laie sein.
Da, wo man Krüppeln Wagen schenkt
Und sagen darf, was man sich denkt,
Möcht ich Herr und Genosse sein.
Da wo man stirbt und trotzdem weiterlebt,
Auch wer mit seiner Hand nur immer Gläser hebt,
Möcht ich tot und lebendig sein,
Möcht ich tot und lebendig sein,
Tot und lebendig sein.

Schlaraffia und Kanaan,
Ardistan, Kommunistan,
Wo ist das gelobte Land?
Das man so en passant, ganz leicht,
Und notfalls auch zu Fuß erreicht?
Das Gelobte Land?
Nicht in der Herde, die ein Zischler treibt,
Und die dann nachher doch im Grießbrei steckenbleibt,
Vor dem gelobten Land.