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Vaterlos

Kindheitserinnerungen 1935-1945

Werner Wüste, Jahrgang 1931, wuchs als Berliner Proletarierkind unweit vom Ostkreuz auf. Die Eltern kamen aus dem Ruhrpott, waren Kommunisten. 1936 wurde sein Vater Ernst Wüste wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« verurteilt und in Brandenburg-Görden inhaftiert. Es gibt ein einziges Foto mit ihm, bevor er 1936 verhaftet und verurteilt wurde.

»Mein Vater ist im Gefängnis«, antwortete er ehrlich, als man ihn danach fragte. Die einen verstörte die Auskunft. Andere übten Mitleid. Und dann gab es Menschen, die entweder die antifaschistische Überzeugung des Widerstandskämpfers teilten oder sich einfach menschlich verhielten, weil die Nazis einem Sohn den Vater genommen hatten.

Erst nach der Befreiung aus dem Zuchthaus in Brandenburg-Görden neun Jahre später hatte der Sohn den Vater wieder. Doch da war die Kindheit vorüber.

Johannes Wüsten, der Künstler aus Görlitz, regte den Mithäftling Ernst Wüste an, die Geschichte der eigenen Familie zu erforschen. Erst der Sohn fand die Zeit, dieses zu tun. Werner Wüste rekonstruierte seine Kindheit ohne den Vater. Und erinnert damit auch an die Freunde, die der Mutter und ihm halfen, die Nazizeit zu überstehen. Da waren der Gefängnispfarrer Harald Poelchau, die Genossen Fritz, »Atze« und Erwin, Prof. Emil Fuchs, dem die Mutter den Haushalt führte, und nicht zuletzt Hilde Benjamin und deren Sohn Mischa, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Wie sich zeigte, gab es ein richtiges Leben im falschen: Werner Wüste reflektiert Personen und Ereignisse aus kindlicher Perspektive und macht dennoch die ganze Dimension antifaschistischer Solidarität sichtbar.

Werner Wüste begann 1948 bei der DEFA als Hilfsbeleuchter, war dann Grenzpolizist von 1952 bis 1956. Danach, bis 1961, Regiestudium an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg. Anschließend Regieassistent bei Karl Gass. Dem ersten Film »Schaut auf diese Stadt« (1961/62) folgten weitere mit Gass, schließlich eigene Produktionen bei der DEFA. Seinen letzten Film nach einer Idee von Grischa Benjamin drehte er 1991: »Wir waren in Tschernobyl«, ein 90-minütiger Dokumentarfilm über die Menschen in der verstrahlten Region. Werner Wüste ist Mitherausgeber der Geschichtsdokumentation »Klartexte: Beiträge zur Geschichtsdebatte« (Verlag am Park, 2009).

Das Taschenbuch »Vaterlos: Kindheitserinnerungen 1935-1945«, 188 Seiten, erschienen 2014 im Verlag am Park, ist über die KPF zum Sonderpreis von 9,90 Euro zu beziehen.

Kontakt: kpf@die-linke.de